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Angebote für neue Zielgruppen öffnen

Symbolbild: Vier unterschiedlich farbige Spielfiguren stehen nebeneinander.

Symbolbild: Vier unterschiedlich farbige Spielfiguren stehen nebeneinander.

Beratungsangebote für Menschen mit Behinderung werden zunehmend auch von Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte aufgesucht. Damit einhergehende Anforderungen an Beratungssettings und Inhalte sind für die Mitarbeitenden neu. Der Familienentlastende Dienst (FED) Leipzig stand vor eben dieser Situation und hat daraufhin seine Öffnung vorangetrieben.

Seit 1997 ist die Elterninitiative FED Leipzig e.V. in der Messestadt und deren Umland aktiv. Was aus einem kleinen Kreis engagierter Eltern entstand, umfasst mittlerweile rund 50 hauptamtliche Mitarbeiter*innen und ein Netzwerk vieler ehrenamtlicher Akteur*innen. Das Handlungsspektrum des Trägers reicht heute vom aufsuchenden Dienst über Freizeit- und Assistenzangebote bis hin zum Ambulant unterstützten Wohnen und einem Pflegedienst. „Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Klient*innen, deren Familien und unseren Beschäftigten ist uns wichtig. Wir wollen nah dran sein an den Bedürfnissen der Beteiligten und so eine möglichst weitreichende Teilhabe unterstützen“, erklärt die Geschäftsführerin Kerstin Keller. Diese Nähe zu den Nutzer*innen hilft auch dabei, veränderte Bedarfe zu erkennen und Angebote weiterzuentwickeln oder neu anzustoßen.

Leipzig verzeichnet in den letzten Jahren einen Zuzug neuer Bürger*innen. Darunter befinden sich auch Familien mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, in denen Angehörige mit Behinderung leben. Hilfsangebote für Familien mit Kindern mit Behinderung sind diesem Personenkreis oft noch zu wenig bekannt. Parallel dazu stieg die Zahl an Unterstützungsanfragen und Begleitungen in den zurückliegenden Jahren, zumeist begründet durch Notsituationen.

Rückmeldungen der Mitarbeitenden als Impuls

„Unsere Angebote sind für alle Interessierten offen. An den Rückmeldungen aus der Mitarbeiterschaft merkten wir jedoch, dass die Anforderungen an die Begleitung migrantischer Familien andere sind als im Umgang mit unseren bisherigen Klient*innen. Neben der Sprachbarriere kamen zum Beispiel ganz neue rechtliche Sachverhalte, ein höherer Zeitaufwand, aber auch kulturell bedingte Fragen auf den Tisch. Das führte zu Unsicherheiten und Mehrbelastung bei den Mitarbeitenden sowie vereinzelt zu Zweifeln, ob das Betreuungs– und Pflegeteam mit dieser Zielgruppe unbedingt arbeiten müsse. Zudem konnten wir den anfragenden Familien nicht immer so schnell helfen, wie es wünschenswert gewesen wäre“, erinnert sich Kerstin Keller. Vereinsvorstand und Geschäftsführung verständigten sich daher auf schnelles Handeln. Die neue Zielgruppe sollte besser erreicht und ein passendes Angebot entwickelt werden.

Erste Gespräche mit den Teams ergaben, dass eine eigene Personalstelle, die sich speziell mit den teils sehr komplexen Anliegen der neuen Zielgruppe befasst, unumgänglich ist. Zufällig arbeitet eine studentische Mitarbeiterin im Familienentlastenden Dienst des Trägers, die sowohl die Empathie als auch mittels eines Arabistikstudiums die fachlichen Qualifikationen und zudem sehr gute Sprachkenntnisse mitbringt. Faktoren, die das Vorhaben wesentlich begünstigten.

Wissen sammeln und Vernetzung vorantreiben

Doch woher soll das Wissen über die Zielgruppe und deren besondere Bedarfe kommen? Wichtige Impulse erhielt FED Leipzig aus dem Kontakt mit dem Berliner Verein „Mina – Leben in Vielfalt e.V.“, der seit über zehn Jahren in den Bereichen Migration, Gesundheit, Bildung und Behinderung arbeitet. Mit Unterstützung der Stadt Leipzig gelang es zudem, eine Vernetzung mit Organisationen anzubahnen, die vor ähnlichen Aufgaben stehen. „Es ergaben sich intensive inhaltliche Impulse und konkrete Handlungsansätze. Der Austausch half, einen realistischen Blick dafür zu bekommen, was wir im Netzwerk der bereits existierenden Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund leisten sollten“, hebt Kerstin Keller für diese Phase der Projektplanung hervor.

Eigener Rahmen für den Wissensaufbau

Im Ergebnis steht nun das kürzlich angestoßene Projekt „MIT-einander“, wobei MIT für Migration, Integration und Teilhabe steht. Aktuell begleitet das Projekt nur wenige Familien. Zusätzlich zur Hilfestellung im Einzelfall liegt das Augenmerk zunächst noch darauf, die Bedarfe der Zielgruppe näher kennenzulernen. Dafür braucht es Zeit und Vertrauen.

Eine tragende Säule soll zum Beispiel das Empowerment der Familien sein. Doch erst geht es darum, herauszufinden, welche Methoden und Zugänge hier sinnvoll erscheinen. Mit Fingerspitzengefühl soll eine Einbindung ohne gleichzeitige Überforderung gelingen. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit geeigneten Sprachmittler*innen. Das noch junge Projekt sammelt hier wichtige Erfahrungen, die schließlich auch dem gesamten FED-Team zu Gute kommen.

Hinsichtlich des Zugangs zur Zielgruppe setzt das Projekt ebenfalls auf die Kooperation mit vorhandenen Strukturen und begann den Austausch mit Migrant*innenselbstorganisationen. Mit jenen kann besprochen werden, wie etwa das Verständnis von Behinderung im jeweiligen Kulturkreis ist. Denn nicht alle, die vom Beratungsangebot hören, schließen daraus, dass es für sie selbst bestimmt sein könnte, da beispielsweise die Behinderung des Kindes eher als Krankheit verstanden wird. Daraus lassen sich Anregungen für die zukünftige Ansprache ableiten. Ferner weisen die Organisationen in ihrem Wirkungskreis auf die Angebote des FED Leipzig hin.

Belegschaft einbinden und Fortschritte kommunizieren

Die Erkenntnisse werden innerhalb des Trägers transparent kommuniziert. Diese Rückkopplung mit den Teams hat große Bedeutung, da von hier die ursprünglichen Probleman-zeigen kamen. Langfristig soll das Projektwissen in alle Beratungs-settings einfließen und der Stärkung der Beschäftigten dienen. Beteiligung und Dialog sind Unternehmenskultur und erfüllen an dieser Stelle eine zentrale Aufgabe, wenn es darum geht, Vorbehalte gegenüber dem neuen Handlungsfeld abzubauen. Begünstigt wird dies durch ein sehr umfassendes Verständnis des Inklusionsbegriffs innerhalb der Belegschaft. „Die trägerinterne Diskus-sion zu dieser neuen Ausrichtung und Öffnung unseres Angebotes hatte einen schönen Effekt. Sie stärkte das Bekenntnis aller Beschäftigten zu unserem gemeinsamen Anliegen, für eine inklusive Gesellschaft einzutreten, die alle mitnimmt“, freut sich die Geschäftsführerin.


Die Elterninitiative FED Leipzig e.V. unterstützt seit 1997 Menschen mit Behinderungen und deren Familien. Immer wieder hat der Verein neue Ideen ausprobiert, um den Bedarfen der Menschen gerecht zu werden. Mehr Informationen und die Kontaktdaten lesen Sie auf: www.fed-leipzig.de


Der Artikel erschien zuerst in der März-Ausgabe 2020 unseres Magazins anspiel.