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Eingliederungshilfe: Mit Vorhalteleistungen präventiv handeln und Kosten senken

Die Räder eines Rollstuhls stehen am Bordstein einer Straße.

In den aktuellen Diskussionen über die Kosten der Eingliederungshilfe tritt das Spannungsfeld zwischen kurzfristigen Einsparungen und langfristig wirkender Prävention zu Tage. Warum sogenannte Vorhalteleistungen zur Stabilität von Klient*innen beitragen und Kosten vermeiden.

Soziale Arbeit unterstützt in Krisen. Wer sie jedoch allein auf diese „Feuerwehrfunktion“ reduziert, verkennt ihre größte Stärke: die vorbeugende und langfristig stabilisierende Wirkung. Diese präventive Kraft wird von Leistungsträgern häufig unterschätzt, obwohl sie durch verlässliche und planbare Finanzierung entscheidend dazu beitragen kann, künftige Kosten zu vermeiden.

Rechtzeitig handeln und wirksam helfen

Krisen gehören zum Leben. Jede dritte Person erlebt im Laufe des Lebens eine psychisch belastende Situation, in der sie professionelle Unterstützung in Anspruch nimmt. Fachkräfte wie das Team des Gutshofs Stötteritz unterstützen Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung. Dessen Geschäftsführer Kirk Peiffer dazu: „Viele Menschen kommen erst zu uns – mit verdeckten Bedarfen und nach vielen gescheiterten Kontakten im Hilfesystem. Häufig haben sie das Vertrauen in Unterstützung verloren. Am Anfang geht es daher vor allem darum, Sicherheit zu geben und Verlässlichkeit zu zeigen. Wenn jemand spürt, dass er angenommen ist und nicht gleich wieder weitergeschickt wird, öffnet sich langsam ein Weg.“

Gerade in dieser Phase braucht es niedrigschwellige, flexible und verlässliche Begleitung, oft nur für eine begrenzte Zeit. Vorhalteleistungen schaffen genau diesen Raum: Sie halten Kontakte offen, bauen Vertrauen auf und verhindern, dass sich Probleme verfestigen.

Prävention schützt Menschen und entlastet Systeme

Komplexe Fälle entstehen selten plötzlich. Ein anfänglich überschaubarer Unterstützungsbedarf weitet sich aus, weil frühzeitige und verlässliche Unterstützung fehlt und Krisen sich verschärfen. Genau hier setzen Beziehungsarbeit und Vorhalteleistungen an.

Diese präventiven Strukturen werden dringend gebraucht. Teure Klinikplätze und Intensivangebote sind in der Regel ausgelastet und dennoch bestehen hohe Bedarfe.
Viele Menschen verbleiben in Kliniken, weil sie keine geeignete Anschlussunterstützung finden können. Das darf nicht sein. Gut aufgestellte Vorhaltestrukturen schaffen Übergänge, sichern Beziehungsräume und verhindern, dass Menschen im Hilfesystem verloren gehen.

Prävention rechnet sich

Vorhalteleistungen sind auch wirtschaftlich sinnvoll. Ein Tag in der Psychiatrie kostet im Schnitt bis zu 450 Euro, ein Tag in einer ambulanten Präsenzstruktur etwa 25 Euro. Bereits ein einziger vermiedener Kliniktag finanziert über zwei Wochen präventiver Unterstützung, meist auf die Zeit begrenzt, in der Menschen beim Ankommen und in Übergängen besondere Hilfe benötigen.

Kommunale Haushalte sind stark belastet. Dass alle Beteiligten in den Verhandlungen zum Rahmenvertrag genau prüfen, wem welche Leistung zusteht und was tatsächlich gebraucht wird, ist nachvollziehbar und gesetzlich richtig.

Kurzsichtig wäre es jedoch, ausgerechnet die Finanzierung der Vorhalteleistungen infrage zu stellen. Wird diese Struktur vernachlässigt, steigen langfristig die finanziellen und gesellschaftlichen Folgekosten, weil Hilfen dann oft erst greifen, wenn Situationen bereits eskaliert sind und der Unterstützungsbedarf deutlich größer geworden ist.

Vorhalteleistungen müssen im Rahmenvertrag berücksichtigt werden

Gemeinsam mit dem Landesverband Gemeindespsychiatrie setzt sich der Paritätische dafür ein, dass Vorhalteleistungen weiterhin verbindlich im Landesrahmenvertrag verankert werden. „Wir wollen keine teureren Strukturen. Wir wollen wirksamere“, sagt Anne Cellar, Referentin für Teilhabe des Paritätischen Sachsen: „Der klügste Weg, Kosten zu senken, ist Krisen zu vermeiden. Beziehungsarbeit und Verlässlichkeit sind dabei das stärkste Mittel, das wir haben. Und sie funktionieren.“

Positionspapier zu komplexen Unterstützungsleistungen bietet Handlungsoptionen

Die Forderung nach Erhalt der Vorhalteleistungen ist ein Aspekt, den das gemeinsame Positionspapier „Komplexe Unterstützungsleistungen“ des Landesverbandes Gemeindepsychiatrie und des Paritätischen Sachsen betont. Es weist auf bestehende Versorgungslücken und fehlende Koordination zwischen Kliniken, Suchtberatung, Eingliederungshilfe und Sozialpsychiatrischem Dienst hin. Übergänge müssen deshalb besser abgesichert werden – durch verlässliches Fall- und Entlassmanagement und kurzfristige Rückkehrplätze. Dafür gibt es auch in Sachsen bereits gute Modelle.

Das gemeinsame Positionspapier „Komplexe Unterstützungsleistungen“ des Landesverbandes Gemeindepsychiatrie und des Paritätischen Sachsen lesen Sie hier.


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Anne Cellar (Referat Teilhabe)
Tel.: 0351 – 828 71 150
E-Mail: anne.cellar(at)parisax.de