Männerberatung wird oft so verstanden, dass nur männliche Berater männliche Klienten beraten sollten. Schließlich kennen dann beide Seiten die gleichen Männlichkeitsanforderungen. Warum ein gleichgeschlechtliches Setting nicht zwingend die Wahl ist, erläutert Jörg Gakenholz, Bildungsreferent für Männerforschung der Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen.
„Ach, ich dachte es ist nur für Männer.“, „Ist das denn auch für Frauen? Da ist ja dieses Sternchen…“, „Ich bin eine Frau, lassen Sie mich damit in Ruhe!“. Solche Sätze haben wir in der Vorbereitung auf unseren zweiten Durchlauf „Fortbildung Systemische Männerberatung“ manches Mal gehört. Beim Begriff Männerberatung entsteht häufig ein Bild im Kopf, bei dem sich zwei Männer gegenübersitzen. Warum ist das so und vor allem: Muss das so sein?
Psychosoziale Beratung ist insgesamt ein weiblich konnotiertes Feld. Die meisten beratend tätigen Personen sind Frauen, ebenso ist es die Mehrzahl der ankommenden Klient*innen. Aus dieser Erfahrung heraus wurde bereits in den 1990ern ‚Männerberatung‘ entwickelt: Beratung, die Männer als konkrete Zielgruppe anspricht und bei der Männlichkeit neben dem eigentlichen Beratungsanlass (z.B. Beziehungsprobleme) immer mitgedacht und reflektiert wird.
Mit erlernter Männlichkeit umgehen
Doch wie überzeugt man Typen, die Probleme damit haben, ein Problem zu haben? Legendär in der Szene sind kreative Aktionen wie eine „Zwangsberatung für Männer“ an öffentlichen Plätzen. Und zunächst wurde die Methodik Männerberatung tatsächlich meist von Männern durchgeführt. Ähnliche Sozialisation, das Sichbewegen in männlichen Räumen, das Aufsaugen kultureller Männerbilder - all das lässt diese Konstellation erst einmal stichhaltig erscheinen.
Jedoch: Dieses allmähliche Einnehmen einer männlichen Perspektive ist ein Prozess. Die als männlich erklärten Muster und Verhaltensweisen sind nicht einfach da, auch für Männer nicht. Sie werden erlernt. Und damit können auch weibliche und diverse Fachkräfte die dahinter liegenden Mechanismen erlernen und professionell sowie sensibel darauf eingehen.
Geschlecht Beratender meist nachrangig für Hilfesuchende
In den wenigen wissenschaftlichen Befragungen zum Thema wird sichtbar, dass es Männer gibt, die für eine Beratung ein Mann-zu-Mann-Setting bevorzugen. Insbesondere wurde dies bei heiklen Themen wie Gewalterfahrungen oder Sexualität genannt. Gegenüber einer Frau bestehe die Gefahr von Imponiergehabe und Schönfärberei, oder man(n) könne sich eingeschüchtert, inkompetent oder überlegen fühlen. Jedenfalls keine gute Voraussetzung für eine offene und ehrliche Beratung.
Genauso gibt es jedoch Männer, die sich lieber von einer Frau beraten lassen würden. Mit ihnen könne man(n) ja besser reden oder sie zeigten mehr Verständnis für den (vermeintlich unmännlichen) Konflikt. Zudem komme es mit Männern leicht zu Konkurrenzgehabe, was einer erfolgreichen Beratung im Weg stünde. Diese subjektiven Empfindungen, die auf individuellen Vorerfahrungen basieren, sollten nicht heruntergespielt werden. Für die Betroffenen spielen diese Gefühle eine Rolle und das sollte den Fachkräften in Beratungseinrichtungen bewusst sein.
Indes ist den meisten Männern das Geschlecht des Gegenübers in der Beratung schlicht nicht wichtig, solange ihr Anliegen ernst genommen wird und sie sich verstanden fühlen. Schließlich ist die auf männliche Bedürfnisse zugeschnittene Beratung, Information und Begleitung nicht nur eine geschlechtliche, sondern auch eine fachliche Frage. Ebenso verhält es sich mit der Verbesserung zielgruppensensibler Ansprache, die in der Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen angepasst werden kann. Ich war selbst längere Zeit im (Männer-)Gewaltschutz tätig und habe am Aufbau weiterer Männerschutzeinrichtungen (MSE) mitgewirkt. In einigen dieser MSE arbeiten auch weibliche Fachkräfte, was durchaus funktioniert.
Berater*innen-Team divers aufstellen
Die Position der Landesfachstelle Männerarbeit dazu: Generell ist es sinnvoll, mehr als eine Option zu haben. Deshalb plädieren wir politisch für eine Wunsch- und Wahlfreiheit für personale Niedrigschwelligkeit. Mit manchen Menschen harmoniert es einfach nicht – weswegen auch immer. Aus der Praxis wissen wir zudem, dass es für alle Geschlechter Umstände gibt, bei denen das Geschlecht wichtig sein kann. Mit dieser Haltung haben wir unsere „Fortbildung Systemische Männerberatung“ gestaltet.
Mit einer nicht rein männlichen Fortbildungsgruppe wird sich die Gruppendynamik verändern. So kann es bei einzelnen Teilnehmenden zu Redehemmnissen kommen. Es gibt weniger männliche Selbsterfahrung, dafür mehr Perspektiven. Die Fallstricke sind bekannt und wurden mit den Trainern, die die Lehrmodule inhaltlich ausgestalten, besprochen. Sie achten in ihren Methoden und Gruppenaufteilungen auf die richtige Balance, um beispielsweise in Kleingruppen zu vermeiden, dass Teilnehmerinnen in eine Rolle als „Expertin für Weibliches“ kommen.
Männliche Sozialisation verstehen
Nicht zuletzt ist es auch für Frauen lohnenswert, sich ein besseres Verständnis von männlicher Sozialisation anzueignen, wenn sie beruflich mit einzelnen Männern oder Männergruppen zu tun haben, um sicherer aufzutreten und Männer gut anzusprechen. Denn das Bild von psychosozialer Beratung wird vielfältiger und dabei wird - mit Blick auf die fachliche Diskussion - Männerberatung an Bedeutung zunehmen. Es braucht dafür männlichkeitssensible Beratungsangebote und Berater*innen – flächendeckend. Das ist einer der Bausteine einer umfassenden Strategie auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Der Autor: Jörg Gakenholz ist Bildungsreferent für Männerforschung der Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen. Sie haben Fragen oder möchten sich über die Themen der Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen informieren? Nehmen Sie Kontakt auf.
Telefon: 0351 - 275 179 25
E-Mail: joerg.gakenholz(at)juma-sachsen.de
Der Artikel erschien zuerst in der September-Ausgabe 2024 unseres Verbandsmagazins anspiel. Das Heft befasste sich mit dem Themenschwerpunkt "Soziale Innovation".