Sinkenden Kinderzahlen in Sachsen wird derzeit mit dem Rückbau der Kita-Infrastruktur begegnet. Dabei bietet die Situation auch Chancen, Kitas weiterzuentwickeln, um Standorte zu erhalten und bei künftig wieder steigenden Geburtenzahlen auf vorhandene Einrichtungen samt Fachkräften zurückgreifen zu können. Obwohl damit nicht alle Einrichtungen erhalten werden können, lässt sich so zumindest ein familienfreundliches und standortstärkendes Netz an Kitas in Sachsen absichern.
Welche Möglichkeiten es bereits jetzt gibt, beleuchten wir mit der Interviewreihe „Kita weiterentwickeln“. Was bei der Zusammenlegung von Einrichtungen zu beachten ist, besprachen wir mit Susann Pruchnik vom Kinderschutzbund Leipzig.
Frau Pruchnik, wann sollte eine Zusammenlegung von Einrichtungen erwogen werden?
Susann Pruchnik: Eine Kitazusammenlegung kann bei fehlender Auslastung eine Lösung zur nachhaltigen Standortsicherung sein. Die Platzkapazitäten werden an einem Standort konzentriert. Sie ist besonders dann eine denkbare Lösung, wenn Einrichtungen nah beieinanderliegen und sich die Wegzeiten für Eltern und Kinder nicht deutlich verlängern.
Welche Abwägungen sind im Vorfeld notwendig?
Susann Pruchnik: Eine geplante Kitazusammenlegung kann an beiden Standorten für Unruhe und Verunsicherung bei Kindern, Eltern und Personal sorgen. Eine genaue Abwägung des Vorgehens durch den Träger selbst – und bestenfalls gemeinsam mit der Kommune – ist daher wichtig. Eine Zusammenlegung kann sich als gute Lösung erweisen, wenn möglichst viele Konstanten beider Einrichtungen erhalten werden können. Das betrifft beispielsweise ausreichend Platzkapazitäten, um das jeweilige Konzept (vorerst) weiterzuführen oder Gruppenstrukturen beizubehalten.
Wie verläuft der Prozess der Zusammenlegung in einzelnen Schritten?
Susann Pruchnik: Ist die Zusammenlegung beschlossen, sollte dazu breit informiert werden. Dazu gehören Informationsveranstaltungen für Mitarbeitende sowie für Eltern, in denen die nächsten Schritte und Auswirkungen auf den laufenden Betrieb dargestellt werden. Zudem müssen Kommune und Landesjugendamt eingebunden werden, sofern dies nicht bereits im Rahmen der Vorüberlegungen erfolgt ist.
Etwa acht Monate vor der Zusammenlegung sollte die schrittweise Zusammenführung der Teams beginnen. Dies kann beispielsweise durch Hospitationen in Teamsitzungen, eine gemeinsame Klausur, einen gemeinsamen pädagogischen Tag oder die Planung des gemeinsamen Starts erfolgen.
Zudem sollte die praktische Planung des Umzugs anlaufen, wozu auch die Vorbereitung des Rückbaus (z. B. von Einbauten, Spielgeräten etc.) der zu schließenden Kita gehört. Diesem sollte ein überarbeitetes Raumkonzept für die aufnehmende Kita vorausgehen. Bei der Renovierung und dem Einräumen der Räume können Eltern eingebunden werden, um den Übergang zu erleichtern.
Spätestens zwei bis vier Wochen vor der Zusammenlegung sollte Kindern, Eltern und Mitarbeitenden die Möglichkeit eingeräumt werden, sich von der alten Kita zu verabschieden und die neuen Räumlichkeiten bzw. die neue Kita kennenzulernen. Zu diesem Zeitpunkt ist Zeit für Reflexionen in den Teams zur Vorbereitung des gemeinsamen Neustarts einzuplanen.
Ist die räumliche Zusammenlegung erfolgt, muss auch am Zusammenwachsen gearbeitet werden. Ein Leitungsteam aus beiden Leitungspersonen der zuvor getrennten Kitas kann hierbei helfen. Supervision und Leitungscoaching zur Unterstützung des Prozesses sowie fortlaufende Organisationsentwicklung und Begleitung – z. B. durch Fachberatung – sollten berücksichtigt werden.
Bei allen konkreten Schritten ist die offene und transparente Kommunikation mit allen Beteiligten ein Schlüssel für das Gelingen der Zusammenlegung.
Welche Vorteile sehen Sie in der Zusammenlegung von Einrichtungen?
Susann Pruchnik Für die Kinder ist es vorteilhaft, wenn sie nicht in eine neue Einrichtung wechseln müssen, da Freundschaften und Kontakte zu vertrauten Kindern erhalten bleiben. Auch vertraute Erzieher*innen bleiben bestehen.
Dem Personal bleiben im besten Fall Kündigungen durch Kita-Schließungen erspart, wenngleich Anpassungen der jeweiligen Wochenarbeitszeit notwendig sein können.
Kinderbetreuung ist in einer Kommune ein sensibles Thema. Durch einen strukturierten, transparenten Prozess können Proteste von Eltern oder anderen Bürger*innen vermieden werden. Bestenfalls unterstützt die Kommune den Träger in der Kommunikation sowie in der Finanzierung der Umstrukturierung. Zudem kann die Kommune überschüssige Plätze reduzieren und die Auslastung in der neuen Einrichtung verbessern. Ein Kitastandort kann mindestens mittelfristig gehalten werden und trägt somit zur Attraktivität der Region für junge Familien – aber auch für Arbeitgeber – bei. Menschen aus unterschiedlichen, in der Nähe liegenden Wohnquartieren begegnen sich.
Der Träger kann die Tragfähigkeit zumindest einer Kita bei gleichzeitig sinkenden Geburtenzahlen stabilisieren.
Sehen Sie Stolpersteine, auf die Sie hinweisen möchten?
Susann Pruchnik: In einem komplexen Prozess wie der Zusammenlegung zweier Einrichtungen kann sicher einiges schiefgehen. Eine offene Fehlerkultur ist hierbei hilfreich. Ich möchte aber besonders auf die Bedeutung der Organisationsentwicklung hin zu einer gemeinsam gelebten Kita hinweisen. Das ist ein langfristiger Prozess, der bewusst gestaltet werden muss.
Kleine, als familiär und wohnortnah wahrgenommene Einrichtungen sind bei Familien beliebter. Sollte die neue Einrichtung also zu groß sein, könnte dies zu Skepsis und in der Folge zu Auslastungsproblemen führen.
Frau Pruchnik, wir danken Ihnen, dass Sie die Erfahrungen des Kinderschutzbundes Leipzig mit uns teilen.
Susann Pruchnik ist Fachbereichsleiterin Kindertagesstätten beim Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Leipzig e.V. und verantwortet zudem die Kita-Fachberatung des Trägers.
Telefon: 0341 – 702 57 23
E-Mail: fbl-kitas(at)dksb-leipzig.de
Web: www.dksb-leipzig.de
