Sinkenden Kinderzahlen in Sachsen wird derzeit mit dem Rückbau der Kita-Infrastruktur begegnet. Dabei bietet die Situation auch Chancen, Kitas weiterzuentwickeln, um Standorte zu erhalten und bei künftig wieder steigenden Geburtenzahlen auf vorhandene Einrichtungen samt Fachkräften zurückgreifen zu können. Obwohl damit nicht alle Einrichtungen erhalten werden können, lässt sich so zumindest ein familienfreundliches und standortstärkendes Netz an Kitas in Sachsen absichern.
Welche Möglichkeiten es bereits jetzt gibt, beleuchten wir mit der Interviewreihe „Kita weiterentwickeln“. Diesmal schildert Andreas Warschau vom Omse e. V. in Dresden die Erfahrungen des Trägers mit der Kombination von Kita und Familientreff.
Herr Warschau, mit welchem Ziel kann Familienarbeit in Kitas organisiert werden?
Andreas Warschau: Die Kombination von Kita und Familientreff kann eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten werden. Gelingt eine reibungslose und unterstützende Zusammenarbeit zwischen den Bereichen kann dies nicht nur zu einer Entlastung der jeweiligen Teams führen, sondern ermöglicht auch einen niederschwelligen Zugang zu einem Netzwerk aus Eltern, Kontakten zu Beratungsstellen und Familienangeboten.
Welche Vorteile sehen Sie bei der Zusammenlegung der beiden Angebote?
Andreas Warschau: Der Beratungsbedarf von Eltern zu Erziehungsfragen, aber auch zu Fragen der eigenen existenziellen Absicherung, steigt immer weiter an. Durch die Zusammenlegung mit der Familienarbeit kann diesen Bedarfen individuell nachgegangen werden. Das Kita-Team wird entlastet, und Eltern erhalten gute Unterstützung. Beratungsanfragen müssen in der Kita nicht abgelehnt werden, wie es derzeit teilweise aus Ressourcengründen geschieht.
Für die Kinder ist es von Vorteil, dass der Übergang aus der Familie in die Kita erleichtert wird, da das Kind bereits mit dem Ort vertraut ist. Schnuppertage in der Kita bei gleichzeitiger Nähe der Eltern im Familientreff verstärken diesen Effekt.
Für das Personal entsteht die Option eines flexiblen Einsatzes zwischen den Bereichen. Das ist beispielsweise im Vertretungsfall möglich, wenn beide Einrichtungen zum gleichen Träger gehören. Bei Personalüberhängen besteht die Möglichkeit, in den anderen Bereich zu wechseln.
Für die jeweilige Kommune ist es von Vorteil, dass die Immobilie weiterhin für soziale Zwecke genutzt werden kann und eine wohnortnahe Begleitung sowie Unterstützung von Eltern und Kindern erhalten bleibt. Personal kann zumindest teilweise gehalten werden, wodurch Arbeitsplätze gesichert werden.
Einrichtungsträgern eröffnet die Angebotskombination die Möglichkeit, Familien zu erreichen, die ihre Kinder aktuell gar nicht in die Kita bringen. Diese können womöglich über die Angebote der Familienarbeit gewonnen werden. Dadurch würde die Auslastungswahrscheinlichkeit der Kita erhöht.
Eltern gewinnen durch niedrigschwellige Angebote der Familienarbeit zugleich Vertrauen in die Kita. Auf den Aspekt eines stabileren Angebots zu Familienfragen hatte ich bereits verwiesen.
Was sind zentrale Punkte, die bei der Vorbereitung und Umsetzung zu beachten sind?
Andreas Warschau: Es muss klar sein, dass Kita und Familienarbeit unterschiedlich finanziert werden. Beide Angebotsformen haben eigene Finanzierungs- und Genehmigungsbedingungen. Hinzu kommt, dass bauliche Anforderungen sowohl zum Nutzungszweck Familienarbeit passen müssen als auch zu den Kriterien für die Kitabetriebserlaubnis des Landesjugendamtes. Unter Umständen müssen Umbauten eingeplant werden. Bei gemeinsamer Nutzung von Räumen oder Außenanlagen muss zudem eindeutig geregelt sein, wer welche Verantwortung trägt – z. B. im Hinblick auf die Aufsichtspflicht.
Mit Blick auf das Team begegnen sich hier oft verschiedene Arbeitsansätze und berufliche Erfahrungen. Berührungsängste der Professionen können den Prozess verlängern. Gerade Leitungskräfte sind gefordert, dies zusammenzubringen, damit die erwünschten Synergien entstehen.
Wenn der Kitaträger bisher kein Träger der Familienarbeit ist, müssen entsprechende Mittel akquiriert bzw. ein Kooperationspartner aus dem Bereich der Familienarbeit gewonnen werden. Der Prozess wird dadurch komplexer und langwieriger.
Welchen Tipp haben Sie darüber hinaus?
Andreas Warschau: In jedem Fall sollte ausreichend Zeit eingeplant werden. Die Abstimmung zwischen den beteiligten Kostenträgern, dem Landesjugendamt und dem Träger kann zeitintensiv sein. Als Träger sollte man allen Beteiligten gut darstellen, warum sich der Ansatz lohnt. Dabei gilt es, stets auch die Perspektive der Behörden zu berücksichtigen. Ziel sollte sein, sie als Partner für die Idee zu gewinnen und einen gemeinsamen Willen zur Umsetzung zu erzeugen.
Falls mit bereits bestehenden Teams gearbeitet werden soll, hilft es, diese frühzeitig in den Prozess einzubinden. Das gegenseitige Kennenlernen sollte bewusst organisiert werden. Beispielsweise können gegenseitige Hospitationen wichtige Einblicke in das jeweils andere Arbeitsfeld geben. Zudem können Vorläuferangebote – wie etwa ein Krabbeltreff in der Kita, den der Familientreff organisiert – eine hilfreiche Erprobungsphase für die spätere Umsetzung sein.
Herr Warschau, wir danken Ihnen für diesen Einblick.
Andreas Warschau ist geschäftsführender Vorstand des Omse e.V. in Dresden. Er leitete über viele Jahre die Kita Koboldland des Trägers.
Kontakt:
Tel.: 0351 - 413 90 17 11
E-Mail: andreas.warschau(at)omse-ev.de
Web: www.omse-ev.de
