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Kommentar: Aktiv den Wandel gestalten

Symbolbild: Zwei Hände fügen zwei Puzzleteile zusammen.

Krisen, polarisierte öffentliche Debatten, Finanznot. Ständig etwas Neues? Michael Richter, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Sachsen, kommentiert die Notwendigkeit zu Veränderungen und plädiert für aktives Handeln.

Manchmal möchte ich nur noch die Tür hinter mir schließen und die Welt aussperren. Wo sind meine früheren Gewissheiten geblieben? Stetiges Wachstum, stabiler Frieden, grenzenloser Wohlstand und Konsum, ein verlässlicher Staat – und heute? Permanent verändern sich Umstände, im Fokus der Arbeit steht nur noch die Verwaltung des Mangels.

Das erschöpft und bedrückt uns alle. Und das ist menschlich. Wenn wir zurückblicken, lässt sich jedoch feststellen, dass auch vorangegangene Generationen schon immer mit Wandel umgehen mussten und dass sie stets einen Umgang mit den Veränderungen fanden. Wenn auch selten konfliktfrei.

Veränderung prägt unseren Alltag

Wir sehen uns im Sozial- und Bildungsbereich auch derzeit mit fundamentalen Herausforderungen konfrontiert. Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen die Menschen. Somit spüren wir gesellschaftliche Verschiebungen, Unsicherheiten und Ängste unmittelbar. Die Auslöser dieser Umstände liegen indes oft außerhalb unseres Einflussbereichs. Da sind beispielsweise die gesellschaftlichen Narben, die uns die Corona-Pandemie hinterlassen hat. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat auch unsere unmittelbare geostrategische und politische Wirklichkeit verändert. Gleichzeitig dringen wir mit sachlichen Argumenten und faktenbasierten Lösungsansätzen schwer durch, wenn der öffentliche Diskurs nur noch schwarz oder weiß kennt. Ergänzt wird dieses Bild durch die zunehmend schwieriger werdende Lage öffentlicher Haushalte, die unmittelbare Folgen für die Unterstützung von Menschen hat und damit auf die Arbeit frei-gemeinnütziger Organisationen durchschlägt.

Diese Veränderungen an sich sind aber nur das eine. Das andere ist vielmehr, wie wir damit umgehen. Der österreichische Psychiater und KZ-Überlebende Victor Frankl sagte einst: „Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, eine Situation zu ändern, sind wir gefordert, uns selbst zu ändern.“

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund unseres Prozesses zum Zukunftskonzept ‚Parität 2030‘ prägten meine Gespräche mit unseren Mitgliedern in letzter Zeit neben praktischen Themen immer auch Fragen zum erfolgreichen Umgang mit Veränderungen. Ich treffe hierbei – etwas vereinfacht gesagt - auf drei
unterschiedliche Sichtweisen.

Unterschiedliche Sichtweisen und jede leistet einen Beitrag

Da sind zum einen die Engagierten, die über viele Jahre Angebote und Dienste aufgebaut, Veränderungen mitgetragen und Innovationen angestoßen haben. Ihre Arbeit hat die soziale Landschaft in Sachsen maßgeblich geprägt. Doch die ständigen Umbrüche und das Gefühl, immer wieder von vorn beginnen zu müssen, fordern ihren Tribut. Wenn diese Kolleg*innen aufgeben, verliert der Verband nicht nur wertvolles Erfahrungswissen, sondern wir alle auch Menschen, die für einen stabilen Sozialstaat stehen.

Eine zweite Gruppe begegnet den aktuellen Herausforderungen eher mit Pragmatismus. Diese Menschen sehen die gegenwärtige Situation als Anlass, aktiv Lösungen anzustoßen und Neues zu gestalten. Sie bringen frischen Wind und die notwendige Flexibilität mit, um auf neue Anforderungen zu reagieren. Gleichzeitig sind sie häufig in ihrer Organisation stark eingebunden, finden zu wenig Zeit für Vernetzung über das eigene Team hinaus und für den wichtigen Blick über den Tellerrand.

Schließlich gibt es diejenigen, die die Situation sehr genau analysieren können. Sie benennen Missstände und liefern differenzierte Problembeschreibungen. Häufig ist ihre Erwartungshaltung an den Verband, die Politik oder die öffentliche Verwaltung hoch. Mitunter werden dabei die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten unrealistisch eingeschätzt. Dennoch sind ihre fundierten Analysen und kritischen Rückmeldungen für den Verband von unschätzbarem Wert. Wenn es gelingt, im kollegialen Diskurs um Lösungen zu ringen, tragen diese Kolleg*innen dazu bei, blinde Flecken aufzudecken und die verbandliche Arbeit aktiv voranzutreiben.

Veränderungen annehmen und mit gemeinsamer Stimme sprechen

Als größter Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege in Sachsen verfügt der Paritätische über eine Bandbreite an Wissen und Sichtweisen, die es für unsere Themen kein zweites Mal gibt. Dies schließt alle Mitglieder ein. Erst all diese Herangehensweisen, Erfahrungen und Konzepte zusammen bilden ein Gesamtbild. In einer immer komplexer werdenden Welt, die täglich zum Schritthalten auffordert, müssen wir uns dieser gemeinsamen Stärke bewusst werden, die wir als Paritätische Gemeinschaft haben.

Für das Team des Paritätischen Sachsen bedeutet das, künftig noch besser zu werden, wenn Wissen gebündelt und Interessen vertreten werden sollen. Das wird noch herausfordernder, wenn beispielsweise vor dem Hintergrund schwindender öffentlicher Finanzen die Verteilungskämpfe zunehmen. Der Verband muss den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen an ihn und dem Nutzen für die Solidargemeinschaft organisieren.

Ehrlich zu sich selbst und zuversichtlich in die Zukunft

Zudem werden wir uns Forderungen von außen nicht verschließen können, die aktuelle Konzepte in Frage stellen. Das bedeutet für uns, Dinge neu zu bewerten und Maßstäbe zu überdenken. Die verbandliche Willensbildung hier gut zu moderieren, wird eine der zentralen Aufgaben für die Kolleg*innen der Fachreferate und Regionalstellen sein. Zudem wird der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle spielen, wenn die Interessenvertretung erfolgreich sein soll. Wir müssen Themen und Entwicklungen rechtzeitig erkennen und proaktiv mit Vorschlägen in Erscheinung treten, bevor wir auf eine Diskussion nur noch reagieren können.

Lassen Sie uns die Chance ergreifen, diesen Wandel nicht als Zwang, sondern als neuen, notwendigen Auftrag zu begreifen. Indem wir gemeinsam auf konstruktive Vorschläge setzen und darüber hinaus die Bedürfnisse und Ideen aller Beteiligten einbinden, können wir eine nachhaltige und zukunftsfähige soziale Landschaft in Sachsen schaffen. Es liegt an uns, den Wandel nicht abzuwarten, sondern proaktiv zu gestalten – für eine sozial gerechte und demokratisch gelebte Zukunft, in der alle ihren Beitrag leisten.


Michael Richter ist Landesgeschäftsführer des Paritätischen Sachsen. Die Vielfalt des Paritätischen sieht er in Zeiten des Wandels als Chance und wichtige Ressource. Sie haben Fragen oder wollen sich austauschen? Nehmen Sie Kontakt auf.

Tel.: 0351 - 828 71 120
E-Mail: michael.richter(at)parisax.de


Der Kommentar erschien zuerst in der Ausgabe September 2025 des Verbandsmagazins anspiel.