Parisax Aktuelle Meldungen https://parisax.de/ de Parisax Fri, 21 Feb 2020 13:06:56 +0100 Fri, 21 Feb 2020 13:06:56 +0100 TYPO3 news-5212 Tue, 18 Feb 2020 16:43:00 +0100 Wohnraum, der passt. aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/wohnraum-der-passt/ Adäquaten Wohnraum für Menschen mit Behinderungen zu finden, ist nicht leicht. Asylsuchende mit Einschränkungen stehen vor einer noch größeren Herausforderung, wenn sie aus der Erstaufnahme in die eigene Wohnung ziehen. Hier kommt die Koordinierungsstelle CARE der SFZ CoWerk gGmbH aus Chemnitz ins Spiel. Adäquaten Wohnraum für Menschen mit Behinderungen zu finden, ist nicht leicht. Asylsuchende mit Einschränkungen stehen vor einer noch größeren Herausforderung, wenn sie aus der Erstaufnahme in die eigene Wohnung ziehen. Hier kommt die Koordinierungsstelle CARE der SFZ CoWerk gGmbH aus Chemnitz ins Spiel.

Muhamad D. kam auf beschwerlichen Wegen aus Syrien nach Deutschland und beantragte Asyl. Während des Konfliktes in seinem Heimatland erlitt er eine Beinverletzung, deretwegen es ihm heute schwer fällt, längere Strecken zu laufen oder Treppen zu steigen. In der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) fühlte er sich wieder sicher und gut versorgt, jedoch waren die Toiletten und das Gemeinschaftsbad auf einer anderen Etage. Die Wege dorthin waren für ihn jedes Mal beschwerlich, das Waschen eine Überwindung. Wie froh er war, als seinem Antrag auf Asyl stattgegeben wurde und er in die dezentrale Unterbringung wechseln konnte. Mit der eigenen Wohnung verband Muhamad nicht nur die Freude darauf, endlich wieder Privatsphäre zu haben. Er hoffte zudem, dass sich der Alltag dann wieder etwas leichter bewältigen lassen würde. Die Kommune wies ihm allerdings eine Wohnung im vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl zu. Muhamad verlässt sie nur, wenn es nicht anders geht.

Die Geschichte von Muhamad D. steht beispielhaft für Situationen, in die zugewanderte Menschen mit Behinderung geraten können, wenn es um den Wechsel aus der EAE in den eigenen Wohnraum geht, bestätigt Marie Heilmann-Krauß aus Erfahrung. Sie leitet die EAE für Asylsuchende der SFZ CoWerk gGmbH und arbeitete bis vor kurzem für die seit 2015 bestehende Koordinierungsstelle CARE. Ziel von CARE ist es, Asylbewerber*innen mit Einschränkungen beim Übergang von der EAE in die kommunale Betreuung und damit in möglichst passenden Wohnraum zu begleiten.

Wer weiß, was gebraucht wird?

„Es fängt oft schon in den EAE an, die selten an die Bedarfe von Menschen mit Einschränkungen angepasst sind. Bauliche Hürden sind leider meist die Regel. Das ist eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen, die neben ihrem körperlichen Handicap oft unter psychischen und seelischen Verletzungen leiden. CoWerk betreibt daher eine EAE, die solche Bedarfe berücksichtigt. Bundesweit die einzige dieser Art. Aus ganz Sachsen werden uns Menschen und ihre Familien zugewiesen. Die Plätze sind immer belegt“, berichtet Marie Heilmann-Krauß.

Der Träger ist mit CARE zudem ein Spezialist für Fragen der Überleitung von Asylsuchenden mit Einschränkungen. Der Kontakt zur Abteilung Landesinterne Verteilung der Landesdirektion Sachsen, zu kommunalen Institutionen und anderen sächsischen EAE ist eng. Die Koordinierungsstelle hat sich über die Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Es sind ganz praktische Hilfestellungen und eine pragmatische Sichtweise auf Lösungen, die CARE den Netzwerkpartnern anbietet. Dort, wo beispielsweise kein passender Wohnraum auffindbar ist, wird nach Möglichkeiten gesucht, wie Betroffene mit Hilfsmitteln unterstützt werden können. Diese stellt CoWerk übergangsweise auch anderen EAEs zur Verfügung.

Eins hebt die Einrichtungsleiterin als entscheidend hervor: „Alle beteiligten Akteure müssen es wissen, wenn bei Asylsuchenden mit Einschränkungen besondere Bedarfe bestehen. Das war anfangs nicht so. Kenntnis darüber hatten bestenfalls die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der jeweiligen EAE. Schon bei der Landesverteilung war dies nur eingeschränkt bekannt. Die kommunalen Stellen wussten oft überhaupt nicht darüber Bescheid. Wie auch? Solche Aspekte wurden nur sporadisch erfasst.“

Akteure verbinden – Informationen koordinieren

Hier setzt CARE an. Es unterstützt dabei, dass Abläufe und Prozesse in den EAE für die Zielgruppe vereinheitlicht werden. Damit wird die bedarfsgerechte Unterbringung optimiert und bestenfalls beschleunigt. Im Effekt sollen in den Kommunen fehlgeleitete Überstellungen vermieden werden. Damit das funktioniert, hat das CARE-Team einen Standard entwickelt, der bei den beteiligten Institutionen inzwischen weitgehend bekannt ist. Auf nur zwei Seiten sind die notwendigen Schritte festgehalten und für die Praktiker*innen vor Ort gut nachvollziehbar. Zudem steht CARE immer begleitend zur Seite und unterstützt das Informationsmanagement.

„Informationsmanagement und Netzwerkarbeit sind die zentralen Bausteine. Wir haben eine enge Verbindung mit den EAE, der Landesdirektion und den Kommunen. Gleichzeitig gehört es zu unseren Aufgaben, ein Bewusstsein für die jeweils anderen Professionen zu schaffen und die Augen für Handlungszwänge und Möglichkeiten zu öffnen. Darüber hinaus haben wir ein Netz an über 50 Medizinerinnen und Medizinern sowie verschiedenen Pflegediensten aufgebaut, die wir miteinbinden können. Menschen mit verschiedensten Sprachkenntnissen gehören ebenso dazu“, sagt Marie Heilmann-Krauß.

Jeder Fall ist einzigartig und zum Teil sind kreative Lösungen gefragt. Das zweiköpfigen CARE-Team muss sich daher sowohl im Themenfeld Migration als auch mit Behinderungen, Erkrankungen und weiteren Kompetenzeinschränkungen auskennen. Bei dieser inhaltlichen Bandbreite ist ein gutes Netzwerk fachlich versierter Partner unabdingbar. Weitere Beratungs- und Vernetzungsstellen sind erforderlich, um die vielseitigen Bedarfe abzudecken.

Kompetenzgewinn für den Träger

CARE ist jedoch nicht nur für die Asylsuchenden sowie die beteiligten Akteure von Vorteil. Der Träger CoWerk profitiert genauso von dem über die Aktion Mensch geförderten Projekt, denn der Kompetenzgewinn und die stetig wachsende Vernetzung sind außerordentlich wertvoll. Als Inklusionsfirma liegt das Haupttätigkeitsfeld des CoWerk in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Die neu gewonnen Fähigkeiten u.a. im Fachbereich Migration kommen jetzt aber im Konzern SFZ auch an anderen Stellen zur Anwendung und helfen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Nicht zuletzt die gesteigerte Sichtbarkeit des Trägers wirkt sich positiv auf das Unternehmen insgesamt aus.

Rückblickend meint die Einrichtungsleiterin: „Die Anfangsphase war nicht leicht. Wir mussten viel lernen und neue Erfahrungen sammeln. Es hat sich aber gelohnt, neue Wege zu gehen. Das gilt für die Menschen, die wir unterstützen können, aber auch für uns als Unternehmen.“ Für Menschen wie Muhamad D. bedeutet dieser Erfolg die Chance auf Teilhabe und Selbstbestimmung.


Sie haben Interesse am fachlichen Dialog und Erfahrungsaustausch mit der SFZ CoWerk gGmbH? Nehmen Sie Kontakt auf: www.cowerk.de


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2.2019 des Verbandsmagazins anspiel.

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news-5211 Tue, 11 Feb 2020 16:09:00 +0100 Soziale Träger als Partner der Wohnungswirtschaft aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/soziale-traeger-als-partner-der-wohnungswirtschaft-1/ In Ballungszentren wird der Wohnraum beständig knapper. Trägern mit Jugendwohnprojekten fällt es immer schwerer, passende Immobilien zu finden. Häufig hört man von Kündigungen bestehender Mietverträge. Der Jugendhaus Leipzig e.V. kann dem Trend derzeit entgegenwirken. Weil der Verein schon seit Jahren auf eine Kooperation mit dem städtischen Wohnungsbauunternehmen setzt. In Ballungszentren wird der Wohnraum beständig knapper. Trägern mit Jugendwohnprojekten fällt es immer schwerer, passende Immobilien zu finden. Häufig hört man von Kündigungen bestehender Mietverträge. Der Jugendhaus Leipzig e.V. kann dem Trend derzeit entgegenwirken. Weil der Verein schon seit Jahren auf eine Kooperation mit dem städtischen Wohnungsbauunternehmen setzt.

Die Straßenbahn rattert die Bornaische Straße im Stadtteil Connewitz entlang. Sanierte und teilsanierte Häuser reihen sich aneinander. Dichter Baumbestand säumt den Fußweg vor den Hausnummern 96 und 98, in denen das Projekt Leipziger JugendWohnen des Jugendhaus Leipzig e.V. sein Domizil hat. „Wir wollen junge Menschen, die auf dem regulären Wohnungsmarkt nahezu chancenlos sind, schon einmal wohnungslos waren oder aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zu Hause wohnen können, zum Führen eines eigenen Mietbereiches befähigen“, erklärt Projektleiter Guntram Fischer. Das Anliegen erscheint nicht ungewöhnlich. Doch dass ein Träger dafür zwei komplette Aufgänge mit insgesamt 19 Wohnungen vorhalten kann, lässt aufhorchen. Zumal der Wohnungsmarkt in der Messestadt als einer der schwierigsten in Sachsen gilt.

Gemeinsam mit Wohnungsunternehmen erfolgreich

Diese Möglichkeit verdankt der Verein einer langjährigen Kooperation mit der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft mbH (LWB), die das Objekt derzeit an den Verein vermietet. Der gemeinsame Weg begann schon 2001. Damals allerdings noch unter ganz anderen Vorzeichen. In der Stadt herrschte Leerstand. Für die LWB war die Zusammenarbeit eine gute Option, ungenutzten Wohnraum sinnvoll zu beleben. Die Soziale Arbeit des Trägers konnte überdies dazu beitragen, einen Bezug durch künftige Mietschuldner*innen zu vermeiden. Dabei schien das Unternehmen soziale Aspekte durchaus mitzudenken, ist Guntram Fischer überzeugt: „Der Dialog mit der LWB findet auf Augenhöhe statt. Als städtische Unternehmung spielt die soziale Komponente bei ihr ebenfalls eine Rolle. Selbstverständlich hat die LWB aber auch ganz handfeste wirtschaftliche Anliegen, denen man als sozialer Träger in der Kooperation auch zum Nutzen des eigenen Projektes gut nachkommen kann. Ich denke deshalb, dass ähnliche Ansätze auch mit privaten Wohnungsunternehmen gelingen können. Es ist eine Win-Win-Situation.“

Vorteile für Unternehmen und soziale Träger

Ein entscheidender Gewinn für den Träger ist der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Nur so lassen sich die Jugendlichen gut begleiten. Hinzu kommen der planbare finanzielle Rahmen und die Möglichkeit, die Wohneinheiten dem Bedarf anzupassen. Aktuell wohnen 18 Jugendliche in 16 Wohnungen. Ab September 2019 gibt es zudem drei Wohnungen für junge Familien mit Hilfebedarf.

Mieter des Objekts in Connewitz ist der Verein, der die Wohnungen wiederum an die Jugendlichen vermietet. Gibt es tatsächlich unüberwindbare Probleme mit einzelnen Bewohner*innen, ist es der Verein, der eine Kündigung aussprechen und durchsetzen muss. „Kommt es zu einer solchen Situation, müssen die Rollen im Verein klar sein“, betont der Projektleiter. „Wir können nicht als kündigender Vermieter auftreten, um im selben Gespräch dann wiederum als unterstützender Sozialarbeiter mit dem Jugendlichen über sein weiteres Leben zu reden. Der Verein - und diesem Fall konkret der Geschäftsführer - übernimmt hier die Vermieterrolle. Das muss klar getrennt und für die Jugendlichen nachvollziehbar sein.“

Der Mietvertrag mit der LWB ist derzeit auf zehn Jahre angelegt. Für den Vermieter ist das attraktiv, da er mit nur einem Mieter umgehen muss und hausinterne Angelegenheiten über den Verein geklärt werden. Das lange Mietverhältnis macht das gemeinsame Agieren für die LWB zusätzlich interessant.

Mehr als nur Wohnen ermöglichen

Einen bemerkenswerten Schritt gingen die Kooperationspartner auch bei der 2017 begonnenen Sanierung der beiden Hausaufgänge in der Bornaischen Straße. Die zukünftigen Bewohner*innen wurden dabei aktiv einbezogen. Sie halfen beim Entrümpeln der Wohnungen, trugen alte Öfen ab und entfernten Tapeten von den Wänden. Diese Mitarbeit stärkte die Wertschätzung der Jugendlichen für die eigene Wohnung. Auf der anderen Seite wirkten junge Menschen des Berufsbildungswerkes Leipzig und Lehrlinge der LWB mit. Insbesondere für Letztere ergab sich so die tolle Gelegenheit, unter der Anleitung von Ausbilder*innen ihr theoretisches Wissen in der Praxis anzuwenden und die Entwicklung eines Bauvorhabens hautnah mitzuerleben. Für den Vermieter ein äußerst positiver Effekt hinsichtlich der Fachlichkeit des eigenen Nachwuchses. Zudem erhielten die Azubis einen kleinen Einblick in die verschiedenen Lebenslagen der Mieter*innen des Unternehmens. Nicht zu vernachlässigen ist zudem die dadurch erreichte Kostenersparnis während der gesamten Sanierung. Das ist für die LWB wirtschaftlich erfreulich und wirkt sich außerdem positiv auf die Mietkosten insgesamt aus.

Ein Partner wie die LWB verfügt über Immobilien im gesamten Stadtgebiet. Selbst bei einer sehr guten Zusammenarbeit wird ein Immobilienunternehmen nicht die Filetstücke des eigenen Bestandes an soziale Einrichtungen für Wohnprojekte mit Jugendlichen weiterreichen. Das wäre auch nicht unbedingt dienlich, denn ein Projekt wie das Leipziger JugendWohnen braucht ein passendes Umfeld. Guntram Fischer meint dazu: „Eine Stadtrandlage, ein gehobenes Wohnviertel oder irgendwo die grüne Wiese wären für unser Projekt eher ungeeignet. Connewitz bietet einen guten Rahmen. Der Stadtteil ist offen für neue Ideen und sozial gut durchmischt. Die Wege zum öffentlichen Personennahverkehr sind kurz. Hier passt das JugendWohnen hin und die jetzige Immobilie der LWB bietet uns prima Bedingungen.“

Nicht erst seit dem Besuch von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey im August 2018 genießen der Träger und sein Wohnprojekt einen guten Ruf. Die langjährige engagierte Arbeit der Sozialarbeiter*innen sowie das erfolgreiche Zusammenwirken des Jugendhaus Leipzig e.V. und der LWB haben einen gewichtigen Anteil daran. Gewinner sind alle Beteiligten. Insbesondere jedoch die Jugendlichen, die in der Bornaischen Straße 96 und 98 endlich die Chance auf ihre eigenen vier Wände haben.


Lesen Sie mehr über das Projekt JugendWohnen auf www.jugendhaus-leipzig.de


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2.2019 des Verbandesmagazins anspiel.

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news-5210 Tue, 04 Feb 2020 15:51:00 +0100 Wohnen: Selbstbestimmt in der WG aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/wohnen-selbstbestimmt-in-der-wg/ Während Wohngemeinschaften früher eher noch als unkonventionelle Form des Zusammenlebens galten, sind sie heutzutage eine Wohnform unter vielen. Mit dem gestiegenen Wunsch nach Selbstbestimmung entscheiden sich zunehmend mehr Menschen mit Behinderung, so zu wohnen. Der Schloss Schönefeld e.V. begleitet das Thema schon seit einigen Jahren. Während Wohngemeinschaften früher eher noch als unkonventionelle Form des Zusammenlebens galten, sind sie heutzutage eine Wohnform unter vielen. Mit dem gestiegenen Wunsch nach Selbstbestimmung entscheiden sich zunehmend mehr Menschen mit Behinderung, so zu wohnen. Der Schloss Schönefeld e.V. begleitet das Thema schon seit einigen Jahren.

Anfang der 1990er Jahre stand es nicht gut um das Schloss Schönefeld in Leipzig. Der Zahn der Zeit hatte unermüdlich am Schloss und den umliegenden Gebäuden genagt. Die dort untergebrachte Pflegeeinrichtung für alte Menschen und Kinder mit Behinderung musste ausziehen. Wer seitdem nicht mehr vor Ort war und heute den Hof betritt, wird seinen Augen kaum trauen. Das Schloss und seine Umgebung sind nahezu vollständig restauriert und an die heutige Nutzung als Bildungs- und Wohnort bestens angepasst. Auf dem Gelände befinden sich eine Förderschule, Außenwohngruppen und zwei Wohngemeinschaften. Träger der Anlage sind der Schloss Schönefeld e.V. und seine Töchter, die Wohnen plus gGmbH und die Lernen plus gGmbH.

„Die Wohngemeinschaften sind noch recht neue Projekte. Träger, die dem Wunsch von Menschen mit Behinderungen nach einem weitgehend selbstbestimmten Wohnen nachkommen möchten, sollten sich diesem Modell zuwenden. Die Nachfrage ist bei den Absolvent*innen unserer Schule und deren Eltern in den letzten Jahren spürbar gestiegen“, berichtet Jens Eberl, Geschäftsführer der Wohnen plus gGmbH. Natürlich weiß Eberl um die formalen Hürden und rechtlichen Fragen, die auf einen Träger hinsichtlich des Betriebs von Wohngemeinschaften zukommen. Wie viele andere auch hofft er auf Erleichterungen im Zuge der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in Sachsen und auf entsprechende Anpassungen in landesspezifischen Regelungen wie beispielsweise dem Sächsischen Wohn- und Betreuungsgesetz.

Menschliche Fragen des Zusammenlebens beachten

Die formalrechtliche Seite, Fragen der Kostenübernahme und bürokratische Hindernisse sind ärgerlich und diesbezüglich müsse dringend etwas geschehen, das steht für den Geschäftsführer außer Frage. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen bewertet Jens Eberl einen weiteren Gesichtspunkt jedoch als mindestens ebenso wichtig, wenn nicht als noch wichtiger, damit das gemeinsame Wohnen gelingt: Es ist die Frage nach der menschlichen Komponente. Passen die Bewohner*innen zusammen?

„Da wir auch Träger einer Förderschule sind, kommen Eltern vermehrt mit dem Wunsch auf uns zu, ihren Kindern nach dem Schulabschluss individuelles Wohnen zu ermöglichen. Wir sind deshalb dazu übergegangen, die Perspektiven schon in den letzten Schuljahren mit den Eltern zu besprechen. Da ist es zum Beispiel von Vorteil, wenn sich die Eltern von befreundeten Schülerinnen und Schülern bereits kennen und entsprechend austauschen können. Das ist nicht immer der Fall, weshalb wir auch Informationsveranstaltungen und Vernetzungsmöglichkeiten organisieren“, erklärt der Geschäftsführer und meint: „Wäre allein die Nachfrage ausschlaggebend, könnten wir fast alle zwei Jahre Wohngemeinschaften gründen.“

Rechtzeitig mit den Vorbereitungen für das gemeinsame Wohnen zu beginnen, ist entscheidend dafür, ob es am Ende auch funktioniert. Vor allem sind ganz lebenspraktische Fragen zu klären. So zum Beispiel: Sind die Assistenzbedarfe ähnlich? Wie sind die Tagesabläufe gestaltet? Wie müssen die Räumlichkeiten beschaffen sein? Werden die Kosten für den Gesamtaufwand der Wohngemeinschaft zusammen veranschlagt und gleichmäßig verteilt oder ist eine individuelle Abrechnung gewünscht? Eine fundierte Bedarfsanalyse ist unerlässlich. Träger sollten diesen Prozess gut begleiten, um die Bedarfe und Wünsche der zukünftigen Bewohner*innen und die Planung kommender Anforderungen an die Fachkräfte vor Ort von Beginn an im Blick zu haben.

Gerade für Eltern, die sich nach dem Schulende ein gemeinsames Wohnen ihrer Kinder wünschen, gilt jedoch, gemeinsam mit den Kindern ein Verständnis darüber zu entwickeln, wie sie sich das Zusammenleben vorstellen. Soll es perspektivisch um lebenslanges gemeinsames Wohnen gehen oder eines nur für einen bestimmten Lebensabschnitt? Die jeweiligen Interessen müssen miteinander abgeglichen werden. Ausreichend Zeit ist hierbei entscheidend. Wenn ein Träger diesen Prozess nicht selber unterstützen und unter Umständen auch moderieren kann, sollten Netzwerkpartner zur Hand sein, an die in diesem Fall vermittelt werden kann. Netzwerke von Eltern oder auch der zuständige Integrationsfachdienst können hierbei gute Anlaufstellen sein.

Wohngemeinschaften als attraktiver Arbeitsort für Fachkräfte

Das Modell der Wohngemeinschaft ist nicht nur für die Bewohner*innen selbst interessant. Jens Eberl verweist darauf, dass gerade junge Fachkräfte die Arbeit in diesem Betreuungssetting sehr schätzen: „Der persönliche Rahmen und die unmittelbare Nähe zur Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner gefällt insbesondere jungen Menschen im Berufseinstieg gut. Unsere Beschäftigten spiegelten uns, dass die Begleitung des Alltags in den Wohngemeinschaften oft eine individuellere Note habe als das in anderen Wohnformen für Menschen mit Behinderung der Fall sei. Wenn ich an das Thema Mitarbeiterbindung denke, bei dem wir verstärkt auf die Wünsche und Bedarfe der Beschäftigten Rücksicht nehmen wollen, ist das Modell Wohngemeinschaft auch aus Arbeitgebersicht äußerst sinnvoll. Es bereichert das Trägerportfolio also auch hinsichtlich der Arbeitgeberattraktivität.“


Seit über 20 Jahren bietet die Wohnen plus gGmbH unterschiedliche Wohnformen für Menschen mit Behinderungen an. In dieser Zeit sammelte das Unternehmen Erfahrungen mit verschiedenen Ansätzen. Der Schloss Schönefeld e.V. und die Wohnen plus gGmbH bringen sich mit ihrem Wissen zudem aktiv in den innerverbandlichen Dialog ein.

Erfahren Sie mehr über die Mitglieder unter: www.schloss-schoenefeld.de

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2.2019 des Verbandsmagazins anspiel.

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news-5233 Mon, 27 Jan 2020 11:26:00 +0100 Selbsthilfeakademie Sachsen – kostenfreie Angebote 2020 aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/selbsthilfeakademie-sachsen-kostenfreie-angebote-2020/ Die Selbsthilfeakademie Sachsen startet in das zweite Jahr mit 22 Workshops an 11 verschiedenen Orten in ganz Sachsen. Los geht es am 04. März 2020 mit dem Workshop "Auftanken statt Ausbrennen" in Zwickau. Die Selbsthilfeakademie Sachsen startet in das zweite Jahr. Ob Methoden für Gruppentreffen, Rollenklärung oder Kommunikation in der Gruppe – freuen Sie sich auf ein sachsenweites Angebot, speziell auf die Bedarfe der Selbsthilfe zugeschnitten.

Das Programm 2020 besteht aus 22 Workshops an 11 verschiedenen Orten wie Aue, Grimma und Weißwasser.

Vor Ort im März, als Webinar im April

Los geht es am 04. März 2020 mit der Weiterbildung „Auftanken statt Ausbrennen“ in Zwickau.
Die Akademie geht außerdem online mit dem Webinar „Recht und Gesetz in der Selbsthilfe“ am 22. April 2020.

Für alle Aktiven in der Selbsthilfe

Die Angebote richten sich an alle Aktiven und Interessierten in der Selbsthilfe und werden auch in diesem Jahr von der AOK PLUS – die Gesundheitskasse für Thüringen und Sachsen gefördert. Die Teilnahme an den Workshops ist kostenfrei.

Karolin Amlung, Projektleiterin der Selbsthilfeakademie Sachsen, fasst das drei-jährige Modellprojekt zusammen:

„Wir freuen uns sehr, die Selbsthilfe mit neuen Formaten und hervorragenden Dozent*innen zu stärken. Dabei ergänzen wir die bestehenden Strukturen und bringen die Akteur*innen in der Selbsthilfe mehr zusammen. Mit der Selbsthilfeakademie bieten wir erstmals ein sachsenweites Programm an.“

Jetzt Platz sichern

Die Plätze sind begrenzt, wir empfehlen eine frühest mögliche Anmeldung.

Fragen und Anmeldungen zu den Veranstaltungen nimmt das Weiterbildungsbüro entgegen telefonisch unter 0351/ 828 71 43 oder per E-Mail weiterbildung@parisax.de.

Alle Weiterbildungen im Blick

Direkt zur Angebotsübersicht der Selbsthilfeakademie Sachsen geht es hier. Oder werfen Sie einen Blick in die Weiterbildungsbroschüre (PDF).

 

Selbsthilfeakademie Sachsen

Paritätischer Wohlfahrtsverband Sachsen
Am Brauhaus 8, 01099 Dresden

Telefon: 0351/ 828 71 431

weiterbildung@parisax.de

www.selbsthilfeakademie-sachsen.de

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news-5209 Thu, 23 Jan 2020 15:22:00 +0100 Wohnen – die neue soziale Frage? aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/wohnen-die-neue-soziale-frage/ Das Thema Wohnen bewegt. Insbesondere in Ballungszentren wird der Wohnraum knapp und auch soziale Träger finden kaum noch passende und bezahlbare Räumlichkeiten. Matthias Steindorf geht der Frage nach, ob Wohnen die neue soziale Frage ist. Um es vorwegzunehmen: Die Antwort lautet „Ja.“ Doch so neu ist das Thema nicht, da uns Fragen rund um Wohnen und adäquate Unterbringung als Träger der Sozialen Arbeit schon immer bewegt haben. Die Wohnungslosenhilfe ist nahezu eine der ursprünglichsten Aufgaben der Wohlfahrtsarbeit. Wohngruppen für junge Menschen, Unterkünfte für Geflüchtete, barrierefreier Wohnraum für Menschen mit Behinderungen oder ältere Menschen sind ebenfalls nicht erst seit gestern aktuell. Hier ließe sich noch einiges aufzählen, bei dem das sprichwörtliche Dach über dem Kopf und die Soziale Arbeit ineinandergreifen.

Also doch ein alter Hut? Nein. Denn Wohnen hat in den letzten Jahren in der gesellschaftlichen Diskussion einen ganz neuen Stellenwert erhalten. Weil wir alle wohnen müssen und nicht nur sogenannte Randgruppen diesbezüglich auf Hürden und Probleme treffen. In einem Land, in dem der Großteil der Menschen zur Miete wohnt, spüren große Bevölkerungsteile Veränderungen am Wohnungsmarkt deutlich. Das war schon immer so. Neu ist jedoch, dass gerade in den Ballungszentren auch für Normalverdienende die monatliche Miete zur Belastung wird.

Doch am schwersten trifft es nach wie vor Menschen mit geringem Einkommen oder besonderen Bedarfen. Ihnen fällt es immer schwerer, sich auf dem Wohnungsmarkt zu behaupten. Darunter sind beispielsweise Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten sowie ältere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund. Selbst Studierende haben zunehmend Probleme, ein Zimmer zu finden, in dem es sich gut leben und lernen lässt.

Wohnen als wichtige Rahmenbedingung

Mehr noch: Während in den Städten bestimmte Personengruppen verdrängt werden, leidet der ländliche Raum unter Abwanderung und wegbrechender Infrastruktur. Ohne eigenes Fortbewegungsmittel ist man hier nahezu abgehängt, da der Bus nur zweimal am Tag fährt - wenn überhaupt einer fährt. Teilhabe am sozialen Leben? Fehlanzeige.

Diese Entwicklung alarmiert uns, da auch Soziale Arbeit vielfach ins Leere läuft, wenn etwa ohnehin unterstützungsbedürftige Menschen keine angemessene Wohnung haben. Eklatant werden die Probleme dann, wenn beispielsweise Frauen mit ihren Kindern in Frauenhäusern oder Menschen in psychiatrischen Einrichtungen verbleiben müssen, nur weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Auch werden junge Menschen aus Einrichtungen der Jugendhilfe zum Teil in die Wohnungslosigkeit entlassen, wenn sie die Altersgrenze der Jugendhilfe erreicht haben. Zudem wird es insbesondere in Ballungszentren für die Träger Sozialer Arbeit immer schwerer, geeignete Räume für ihre Angebote zu finden. Von Fällen wie jenem, in dem eine durch einen Träger angemietete Wohnung für eine Demenz-WG auf einmal zu Gewerberäumen umgewidmet wurde, ganz zu schweigen.

Der Markt stößt an seine Grenzen

Leider gibt es nicht die eine Lösung, um alle mit dem Thema in Verbindung stehenden Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Kosten und Verfügbarkeit dominieren die aktuelle Debatte. Richtig ist: Der Mensch muss wieder in den Mittelpunkt des wohnungspolitischen Denkens und Handelns gestellt werden. Der Markt scheint hier nicht das adäquate Mittel zu sein, um allen Menschen in ihren individuellen Bedarfen und Möglichkeiten gerecht zu werden. Eine offene Diskussion, die staatliches Handeln einerseits und wohnungswirtschaftliche Interessen andererseits in Einklang bringt, ist längst überfällig. Eine verkürzte Debattenkultur, wie sie in den letzten Jahren leider immer stärker um sich zu greifen scheint, hat noch nie zu belastbaren Ergebnissen geführt. Das wird hier nicht anders sein.

Um menschenwürdiges Wohnen zu ermöglichen, brauchen wir zudem inklusive Sozialräume - im städtischen wie auch im ländlichen Bereich. Jeder Mensch gestaltet mit seinem Leben und seinen alltäglichen Verrichtungen die Beziehungen im Sozialraum mit. Damit sind sie gleichermaßen individuelle Lebensräume wie auch strategische Handlungsräume mit einer inklusiven Zielrichtung. Es geht also darum, das selbstbestimmte und das gemeinschaftliche Leben aller Menschen in diesen Sozialräumen zu ermöglichen. Ein inklusiver Sozialraum ist ein barrierefreies Lebensumfeld, das alle Menschen selbstbestimmt gemeinsam nutzen und mitgestalten, weil sie hier Sicherheit und Geborgenheit erfahren.

Im Sozialraum Lösungen umsetzen

Wichtigste Voraussetzung dafür und zugleich dauernde Aufgabe in unserer Gesellschaft ist das Eintreten für gegenseitigen Respekt, die Akzeptanz von Vielfalt, Diskriminierungsfreiheit und die gegenseitige Wertschätzung unterschiedlicher Fähigkeiten und Einschränkungen.

Die Schaffung inklusiver Sozialräume ist eine Querschnittsaufgabe, die in den und unter Federführung der Kommunen gestaltet werden muss. Es bedarf einer gemeinsamen Strategie aller Akteure des öffentlichen und privaten Bereichs vor Ort. Dazu gehören unter anderem Infrastruktur-, Verkehrs-, Stadtentwicklungs- und  Sozialplanung.

In unserer Mitgliedschaft finden sich einige gute Beispiele, bei denen Träger im Netzwerk mit lokalen Akteuren solche Sozialräume gestalten. Die besonderen Bedarfe der jeweiligen Klient*innen und deren Teilhabe sind Motor dieser Bestrebungen. Die Kooperation zwischen sozialen Organisationen und der Wohnungswirtschaft bildet dabei einen wichtigen Ansatz. Als Verband stärken und unterstützen wir die Mitglieder bei derartigen Vorhaben.

Wir sehen also eine große Bandbreite an notwendigen Maßnahmen. Dennoch haben wir im innerverbandlichen Dialog einige Schwerpunkte herausgearbeitet, die Schnittmengen zum Wohnen besitzen. Die neue Landesregierung sollte sich diesen dringend zuwenden:

Fast fünf Jahre nach Verabschiedung des Landesaktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Freistaat Sachsen sind eine Evaluation der begonnenen Maßnahmen und eine transparente Kommunikation der Ergebnisse notwendig. In der Folge sind Förderlücken zu schließen und es ist hinsichtlich der Wirksamkeit einzelner Maßnahmen nachzusteuern.

Beratungsstrukturen für auf dem Wohnungsmarkt benachteiligte Personengruppen müssen gestärkt werden, damit aktuell bestehende Tendenzen der Diskriminierung begrenzt und Zugänge geöffnet werden.

Neben dem Ausbau von Strukturen der Wohnungslosen und Wohnungsnotfallhilfe bedarf es dringend einer landeseinheitlichen Statistik. Land und Kommunen sind hierbei gleichermaßen gefordert, eine entsprechend abgestimmte Sozialberichterstattung umzusetzen.


Der Autor: Matthias Steindorf ist Bereichsleiter für Soziale Arbeit und Bildung des Paritätischen Sachsen. Er moderiert den innerverbandlichen Diskurs zum Thema Wohnen und ist seit Jahren an der Zusammenarbeit zwischen Wohlfahrtsverbänden und Wohnungswirtschaft beteiligt.

Kontakt:

Tel.: 0351/ 828 71 140
E-Mail: matthias.steindorf(at)parisax.de


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2.2019 des Verbandsmagazins anspiel. das unter dem Titel "Home, sweet home." verschiedene Facetten des Themas Wohnen beleuchtete.

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news-5234 Wed, 22 Jan 2020 16:02:00 +0100 Umfrage zur Digitalisierung der gesundheitlichen Selbsthilfe aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/umfrage-zur-digitalisierung-der-gesundheitlichen-selbsthilfe/ Ein Hochschulprojekt ruft Selbsthilfekontaktstellen auf, sich bis 31. Januar 2020 an einer wissenschaftlichen Umfrage zur Digitalisierung zu beteiligen. Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen können ihre Sichtweise und eigene Erfahrungen zur derzeitigen Situation und Entwicklung der Digitalisierung in der Selbsthilfe mitteilen.

Selbsthilfekontaktstellen sind aufgerufen, sich an einer wissenschaftlichen Umfrage zur Digitalisierung zu beteiligen. Die Umfrage ist Teil des vom BMG geförderten Projekts "Digitalisierung in der gesundheitlichen Selbsthilfe in Deutschland".

Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen können ihre Sichtweise und eigene Erfahrungen zur derzeitigen Situation und Entwicklung der Digitalisierung in der Selbsthilfe mitteilen.

Die Umfrage endet am 31. Januar 2020.

Das Projekt wird vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen durchgeführt. Die NAKOS ist beratend beteiligt.

Weitere Informationen und Kontakt: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
www.uke.de

Hintergrund

Seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es in Deutschland eigenständige Einrichtungen zur Anregung, Unterstützung und Beratung von Selbsthilfegruppen und interessierten Menschen. Gegenwärtig erfolgt dies an 342 Standorten (NAKOS Stand: 13. Dezember 2019).

In Sachsen gibt es derzeit 13 Selbsthilfekontaktstellen mit weiteren Regionalstellen. Darunter sind sechs Einrichtungen unter dem Dach des Paritätischen Sachsen mit rund 500 Selbsthilfegruppen. Eine Übersicht der Selbsthilfekontaktstellen finden Sie auf der Liste der Selbsthilfeakademie Sachsen.


Digitale Selbsthilfe in Sachsen

Ein erster Schritt in der digitalen Selbsthilfe im Freistaat  ist die Selbsthilfe-App „MAM[MUT]. Die AOK PLUS für Sachsen & Thüringen sowie die Kontakt- und Informationsstelle (KISS) Landkreis Görlitz haben es sich - in Zusammenarbeit mit der KISS Landkreis Bautzen sowie der KISS Aue - zur Aufgabe gemacht, der Selbsthilfe einen modernen Anstrich zu verpassen.

Mit der APP können Selbsthilfegruppen oder Interessierte nach Gleichgesinnten suchen, die neuesten News aus der Selbsthilfe erfahren, ein eigenes Gesundheits-Tagebuch führen und mit vielen Community-Funktionen Erfahrungen austauschen.

 

Autor*in:

Carolin Schulz
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Selbsthilfeakademie Sachsen
Paritätischer Wohlfahrtsverband Sachsen
0351/ 828 71 123
carolin.schulz(at)parisax.de
www.selbsthilfeakademie-sachsen.de

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news-5157 Tue, 21 Jan 2020 12:33:00 +0100 Miteinander zu neuen Lösungen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/miteinander-zu-neuen-loesungen/ Soziale Organisationen sehen sich aktuell mit verschiedenen Veränderungen konfrontiert. Norbert Kunz, Geschäftsführer der social impact gGmbH, ermutigt in seinem Gastbeitrag, neue Wege zu gehen und mit neuen Partnern zu kooperieren. Soziale Organisationen sehen sich aktuell mit verschiedenen Veränderungen konfrontiert. Norbert Kunz, Geschäftsführer der social impact gGmbH, ermutigt in seinem Gastbeitrag, neue Wege zu gehen und mit neuen Partnern zu kooperieren.

Die Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege stellen das Rückgrat der sozialen Sicherheit und des sozialen Ausgleiches dar. Gesellschaftliche Megatrends wie beispielsweise der demografische Wandel, Digitalisierung und Mediatisierung, Individualisierung und Pluralisierung sowie die Globalisierung und deren Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme stellen soziale Organisationen vor enormen Veränderungsdruck. Hinzu kommt oftmals noch der finanzielle Druck, der sie zwingt, bestehende Leistungsangebote neu zu justieren, sie effizienter und effektiver auszurichten.

Viele Wohlfahrtseinrichtungen und Sozialunternehmen haben in den letzten 100 Jahren bewiesen, dass sie Expert*innen der schrittweisen Optimierung sind. Ihre Form der inkrementellen Innovation ist effektiv, da sie ihre Kund*innen genau kennen und darauf basierend die Produkte und Leistungen qualitativ weiterentwickeln.

Mehr als nur Innovation

Hinsichtlich der aktuellen Veränderungsprozesse und deren Auswirkungen auf die Freie Wohlfahrtspflege wird eine auf Verbesserung und Optimierung vorhandener Leistungsprozesse ausgerichtete Innovationskultur jedoch nicht mehr ausreichen. Es bedarf nun disruptiver bzw. radikaler Innovationen, die als komplett neue Lösungsansätze auf den Plan treten. Die sogenannte Digitalisierung ist dabei nicht die Lösung, sondern ein Instrument, um die Herausforderungen zu bewältigen.

Wir müssen uns klar machen, dass sich die Rahmenbedingungen und Herausforderungen in allen Lebensbereichen in den nächsten 20 bis 30 Jahren so schnell und tiefgreifend verändern werden, wie noch nie in der Geschichte zuvor. Unsere Lebensbedingungen sind bereits heute geprägt von wachsender digitaler und medialer Beeinflussung, von einer zunehmenden Vernetzung auf lokaler, regionaler und globaler Ebene, aber auch – und vor allem – von einer größeren ökonomischen, ökologischen und sozialen Gefährdung unserer Lebenswirklichkeiten. Dabei stehen wir erst am Anfang eines gesellschaftlichen Wandels, der das bisher als sicher und beständig Angesehene in Frage stellen wird. Wir wissen nicht, wie die Welt von morgen aussehen wird. Was wir jedoch wissen, ist: Es wird mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Risiken für jede*n Einzelne*n und für uns als gesamte Gemeinschaft geben.

Vor diesem Hintergrund haben lineare Lösungsmodelle keine Zukunft, da es vollkommen ungewiss ist, ob die Logik unserer heutigen Arbeitsgesellschaft fortbesteht und inwieweit die sozialen Finanzierungsbedingungen Bestand haben werden.

Sozialraum als Schlüssel

Im Feld der sozialen Dienstleistungen wird es vor allem darum gehen müssen, die sozialräumlichen Potenziale zu identifizieren, sie zu aktivieren und in das System der sozialen Leistungserbringung zu integrieren. Nicht nur die Souveränität der Nutzer*innen selbst, sondern auch deren Beziehung zur sozialen Umwelt muss gestärkt werden. Kollaboratives Handeln sowie das engere Zusammenwirken von Bürgergesellschaft und sozialwirtschaftlichen Unternehmen – unter Berücksichtigung der Möglichkeiten von privaten Unternehmen und öffentlicher Verwaltung – bieten einmal mehr Chancen für alle Beteiligten. Denn nur das Vernetzen von Kompetenzen und Leistungen unterschiedlicher Akteur*innen wird zu einem System führen, welches die erwünschte Versorgungssicherheit gewährleisten kann. Digitalisierung bietet technische Möglichkeiten, um diese Prozesse zu befördern. Die sozialwirtschaftlichen Organisationen müssen zu sozialen Knotenpunkten der Daseinsvorsorge und Teilhabe werden.

„Hic rhodus, hic salta“ – Zeig es hier und beweise, was du kannst. – So könnte das heutige Credo der Wohlfahrt heißen. Denn nun müssen die Einrichtungen beginnen, ihre standardisierten Formen der Leistungserbringung und das Verhältnis zwischen Hilfeberechtigten und Helfer*innen neu zu definieren.

Viele Leistungselemente sind durch Kostenträger vorgegeben und ein Abweichen von der vertraglich vereinbarten Leistungserbringung ist meist nicht erlaubt. Dieses Modell bietet für die Wohlfahrtseinrichtungen ein hohes Maß an Planungs- und finanzieller Sicherheit. Beide Aspekte wirken jedoch innovationshemmend.

Erschwerend kommt hinzu, dass unser aktuelles System so gut wie keine Anreize für Innovationsentwicklung bietet. Weder hat die Suche nach neuen technologischen Möglichkeiten Sinn, noch werden Mitarbeiter*innen dazu angehalten, zu einer strukturellen Verbesserung der Leistungserbringung beizutragen. Dies wirkt sich negativ auf die Innovationskultur in den Einrichtungen aus. Hier sind Politik und Verwaltung ebenfalls gefordert, Spielräume zu öffnen, die über kurzfristige Modellprojekte hinaus wirken können.

Andererseits fehlt es dem Großteil der Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege an Strukturen, Instrumenten und Expertise, um disruptive Innovationen zu entwickeln oder neue Infrastrukturen aufzubauen. Ein aktives Innovationsmanagement ist in vielen Wohlfahrtseinrichtungen leider noch nicht vorhanden.

Kooperationen über Branchengrenzen hinaus

Die trägerübergreifenden Vernetzungen mit dem Ziel der Skalierung und Verbreitung von Innovationen sind zumeist schwach ausgeprägt. Gleichzeitig werden externe Potenziale wie zum Beispiel durch cross-sektoralen Austausch und Kooperationen mit Startups oder etablierten Unternehmen noch unzureichend genutzt.

Diesen Zustand muss die Wohlfahrt auflösen! Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Angebote der Wohlfahrt mittelfristig von privaten Anbietern übernommen werden, wenn diese schneller auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren.

Es gibt bereits gute Ansätze, wie die Entwicklung von Innovationslaboren. Hier sei unter anderem das Projekt „Innovation²“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Social Impact gGmbH benannt. Die Initiative „Lab of the Labs“ und die Zusammenarbeit vieler Wohlfahrtseinrichtungen mit der Social Impact gGmbH zur Förderung von sozialen Innovationen können schon jetzt wichtige Impulse geben.

Die Träger der Freien Wohlfahrtspflege sind auf Basis ihrer Erfahrungen, ihres Wissens und ihrer Verzahnung in die Sozialräume hinein die präferierten Organisationen, um innovative Lösungen für die immer differenzierter werdenden Problemlagen zu finden. Sie können die größer werdenden Versorgungslücken schließen – aber dafür müssen sie sich selbst innovieren.


Der Autor: Norbert Kunz ist Geschäftsführer der Social Impact gGmbH und gehört zu den profiliertesten Sozialunternehmern in Deutschland. Seit über zwanzig Jahren berät und unterstützt er Existenzgründer*innen und hat als Mitbegründer verschiedener Organisationen maßgeblich an der Entwicklung sozialer Innovationen mitgewirkt.


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 1.2019 unseres Verbandsmagazins anspiel.

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news-5192 Thu, 16 Jan 2020 14:13:00 +0100 Fachgruppen: Motor der Verbandsarbeit aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/fachgruppen-motor-der-verbandsarbeit/ In innerverbandlichen Fachgruppen tauschen sich Mitgliedsorganisationen der jeweiligen Fachbereiche regelmäßig zu aktuellen Fragen aus. Doch was geschieht dort wirklich? Dr.‘in Susanne Kleber, Referentin für Bildung des Paritätischen Sachsen, blickt exemplarisch auf die Fachgruppenarbeit der Freien Schulen im Landesverband. In innerverbandlichen Fachgruppen tauschen sich Mitgliedsorganisationen der jeweiligen Fachbereiche regelmäßig zu aktuellen Fragen aus. Doch was geschieht dort wirklich? Dr.‘in Susanne Kleber, Referentin für Bildung des Paritätischen Sachsen, blickt exemplarisch auf die Fachgruppenarbeit der Freien Schulen im Landesverband.

Aktuell sind 21 Schulen Mitglied im Paritätischen Sachsen. Darunter sind allgemeinbildende und berufsbildende Schulen sowie Förderschulen aus dem gesamten Freistaat. Der Großteil der Träger beteiligt sich aktiv an der Fachgruppe Schulen in freier Trägerschaft (FGFS). Sie besteht seit nunmehr zehn Jahren und trifft sich vierteljährlich. In erster Linie geht es in dem Gremium um die fachpolitische Positionierung zu aktuellen bildungspolitischen Themen. Damit ist die Fachgruppe ein zentrales Instrument der innerverbandlichen Willensbildung. Was mit einer kleinen Arbeitsgruppe begann, wuchs zu einem Zirkel heran, der mittlerweile auch in den regionalen und überregionalen Fachdiskursen zu pädagogisch-inhaltlichen Fragen Rede und Antwort steht. Antrieb für die gemeinsamen Aktivitäten ist das Ziel einer alle Schulformen umfassenden inklusiven Bildungslandschaft für Sachsen.

Aber auch ganz alltagspraktische Themen werden in der Fachgruppe besprochen. Das sind Fragen zum Gründungsprocedere, zu Finanzierung und Fördermittelgewinnung, zur Personalentwicklung sowie zur Schulhaussanierung oder zu baulichen Veränderungen während des laufenden Betriebs in Abstimmung mit dem pädagogischen Konzept. Unabhängig von den unterschiedlichen Bildungsansätzen der Träger steht immer die Orientierung an einer Lehr- und Lernumgebung im Vordergrund, die den individuellen Bedarfen der Schüler*innen gerecht wird.

Hierbei haben die Mitglieder regionale und kommunale Besonderheiten zu beachten. Der enge Kontakt mit den zuständigen Behörden und Ämtern ist dafür unabdingbar. In der Fachgruppe steht der Austausch über den Kontakt mit der Verwaltung deshalb regelmäßig auf der Tagesordnung. Zudem lädt die Fachgruppe einmal im Jahr Vertreter*innen der obersten Fachbehörde ein, um über ungelöste Problemlagen zu sprechen und im Idealfall Lösungen dafür zu finden. Immer wieder zeigt sich jedoch, dass die Überschneidung von Dienst- und Fachaufsicht innerhalb der regionalen Stellen des Landesamtes für Schule und Bildung den Dialog erschwert. Daher fordert der Paritätischen Sachsen bereits seit längerem die Trennung von Dienst- und Fachaufsicht, da eine Institution nicht gleichzeitig beraten und kontrollieren kann.

Die Mitgliedsorganisationen schätzen diese Form des fachlichen Dialogs, da er es ihnen ermöglicht, eigene Entwicklungswege zu beschreiten und sich kollegiales Feedback zu holen. Nicht selten wird zudem deutlich, dass das Thema einer Schule meist viele, wenn nicht sogar alle Träger betrifft. Eine gemeinsam erarbeitete Lösung des Gremiums kann somit die praktische Arbeit aller Beteiligten stärken.

Für 2020 stehen der Abschluss eines Qualitätsentwicklungsinstrumentes sowie die Forderung nach einer auskömmlichen Finanzierung für Schulen in freier Trägerschaft auf der Agenda.

Kontakt:

Dr.‘in Susanne Kleber (Referentin Bildung)
Tel.: 0351/ 828 71 147
E-Mail: susanne.kleber(at)parisax.de


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news-5160 Tue, 14 Jan 2020 15:36:00 +0100 Storytelling - Eine Methode für die Wohlfahrtspflege? aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/storytelling-eine-methode-fuer-die-wohlfahrtspflege/ Storytelling bedeutet, Geschichten zu erzählen. Das klingt zuerst einmal nach Märchenstunde. Wieso sollten sich Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege mit diesem Thema beschäftigen? Daniel Pichert erklärt es. Storytelling bedeutet, Geschichten zu erzählen. Das klingt zuerst einmal nach Märchenstunde. Wieso sollten sich Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege mit diesem Thema beschäftigen? Daniel Pichert erklärt es.

Storytelling ist eine Kommunikationsmethode. Sie basiert darauf, dass Informationen in Form von Geschichten wiedergegeben werden. Diese Methode ist nicht neu. Menschen begannen schon vor vielen Hundertausenden von Jahren, auf diese Art und Weise miteinander zu kommunizieren – lange vor der Erfindung von Schriftsprache, Buchdruck oder Computer. Denn das menschliche Gehirn kann Informationen, die in Form von Geschichten erzählt werden, besonders gut aufzunehmen und verarbeiten. Den meisten Menschen fällt es leichter, sich an eine lustige Anekdote zu erinnern als an den Inhalt eines Gesetzestextes oder an ihre IBAN.

Mehr noch – Geschichten entfalten eine stärkere und unmittelbarere Wirkung als nüchtern oder sachlich präsentierte Informationen. Ein Beispiel: Person A erzählt Person B, dass sie sich abends nicht mehr auf die Straße traue: „Die Kriminalität hat so stark zugenommen, man ist nicht mehr sicher!“ Dann sagt Person B: „Aber die polizeiliche Statistik zeigt, dass seit einigen Jahren viel weniger Straftaten verübt werden.“ Daraufhin Person A: „So ein Unsinn. Meine Nachbarin hat mir gestern erzählt, dass ihre Handtasche geklaut worden ist!“ Die Wirtschaft hat diese starke Wirkung von Geschichten bereits vor langer Zeit erkannt und bedient sich konsequent der Methode des Storytellings – sehr schön zu beobachten im Bereich der Werbung.

Zurück zu Organisationen im Bereich der Wohlfahrtspflege: Diese sind es gewohnt, auf andere Art und Weise zu kommunizieren. Sachlichkeit, Authentizität und zuweilen auch juristische Korrektheit stehen im Vordergrund. Das ist auch gut so. Allerdings gehen auch hier schon viele erfolgreiche gemeinnützige Organisationen andere Wege und bedienen sich ebenfalls der Macht der Geschichten. Denn Storytelling kann man nicht nur dazu einsetzen, Turnschuhe zu verkaufen. Man kann die Methode generell dazu nutzen, Menschen zu überzeugen und Inhalte so zu vermitteln, dass sie von den Adressat*innen besser aufgenommen werden. Und vor dieser allgemeinen kommunikativen Herausforderung stehen auch gemeinnützige Organisationen, beispielsweise im Zusammenhang mit Öffentlichkeitsarbeit, Berichterstattung, Fundraising (besonders im Bereich des Spenden-Fundraisings!), Organisationsentwicklung, Teambuilding, Mitgliederakquise, Projekt- und Bildungsarbeit oder Kommunikation mit Klient*innen und Teilnehmer*innen. Also eigentlich überall.

Um Storytelling anzuwenden, benötigt man nicht das Budget eines Hollywood-Films oder eines Sportartikelherstellers. Es handelt sich um einen methodischen Ansatz, der bestehende Kommunikationsprozesse verbessern kann. Und mit etwas Kreativität erzielt man damit eine große Wirkung.


Der Autor: Daniel Pichert ist Coach und Trainer für Fundraising. Zudem berät er in Fragen des Projektmanagements und der Organisationsentwicklung. Weiterbildungen mit dem Autor finden Sie in unserem Seminarkalender: www.parisax.de/weiterbildung


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 1.2019 unseres Verbandsmagazins anspiel.

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news-5158 Tue, 07 Jan 2020 13:01:00 +0100 Qualitätsentwicklung in Schulen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/qualitaetsentwicklung-in-schulen/ Die Qualitätsentwicklung in Schulen kann sich je nach Träger, Konzept und den beteiligten Akteuren recht unterschiedlich gestalten. In Waldorfschulen sind die Reflexion der Abläufe des Schulalltags und die Offenheit für neue Perspektiven nur zwei Aspekte, die auf den Plan treten, wenn es um Qualitätsfragen geht. Gundula Dobrig berichtet aus der Waldorfschule Chemnitz. Die Qualitätsentwicklung in Schulen kann sich je nach Träger, Konzept und den beteiligten Akteuren recht unterschiedlich gestalten. In Waldorfschulen sind die Reflexion der Abläufe des Schulalltags und die Offenheit für neue Perspektiven nur zwei Aspekte, die auf den Plan treten, wenn es um Qualitätsfragen geht. Gundula Dobrig berichtet aus der Waldorfschule Chemnitz.

Rund 430 Schüler*innen lernen derzeit in der Waldorfschule Chemnitz. Das Bildungsangebot der Einrichtung reicht von der Grundschule bis zum Abitur. Bei dieser Bandbreite ist es selbstverständlich, dass in den gut 29 Jahren seit Schulgründung einzelne Prozesse und Herangehensweisen immer wieder auf den Prüfstand kamen. Am wichtigsten sind und bleiben das Interesse und die Offenheit aller Beteiligten für den Fortschritt. Gesellschaftlicher Wandel und altersgemäße Entwicklungsprozesse müssen gemeinsam und urteilsfrei betrachtet werden. Da dies nicht einfach so nebenbei gelingen kann, sind feste Ressourcen und Instrumente dafür eingeplant, auch wenn das vor dem Hintergrund der finanziellen Ausstattung freier Schulen immer ein Kraftakt ist.

Pädagogische Fachkräfte im Dialog

Beispielsweise geht es um die pädagogische Qualität, die sich maßgeblich im Unterricht und in der kollegialen Zusammenarbeit zeigt. Sie basiert auf angewandter Pädagogik sowie den aktuellen Bedarfen der Schüler*innen. Dreh- und Angelpunkt sind dabei die Lehrkräfte in ihrer Funktion als Mittler. Deshalb liegt in Waldorfschulen ein besonderes Augenmerk auf dem steten Entwicklungsprozess der pädagogischen Fachleute.

Eine zentrale Bedeutung hat dabei das Bedürfnis jeder einzelnen Lehrkraft, den eigenen Unterricht fortlaufend zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Die wechselseitige Hospitation der Kolleg*innen untereinander ist hierbei ein hilfreiches Instrument. Im kollegialen Dialog wird der Unterricht anschließend betrachtet und Unterstützung angeboten. Neu hinzugekommenen Kolleg*innen wird außerdem Mentoring angeboten. Im Mentor*innenkreis aller Anleitenden werden die Prozesse koordiniert und besprochen. Alle Lehrkräfte erhalten individuelle Weiterbildungsempfehlungen und auch den Mentor*innen selbst stehen passende Tagungen und Kurse zur Verfügung. Von diesem Verfahren profitieren beruflich Quereinsteigende ebenso wie das erfahrene Lehrpersonal.

Strukturen der Kommunikation nach innen

Zusätzlich geben die verschiedenen Instanzen des Schulorganismus Raum, sich mit den Grundlagen der Waldorfpädagogik und sich ändernden Rahmenbedingungen der Schule auseinanderzusetzen. In einer Reihe von Konferenzen und Arbeitsgruppen wird engmaschig an Aufgaben und Problemlösungen gearbeitet. Dabei wird zwischen internen Arbeitskreisen des Kollegiums und Kreisen mit Elternbeteiligung unterschieden.

In den wöchentlichen Konferenzen der Unter- und Mittelstufe, der Oberstufe und der Förderschule sowie in der gemeinsamen Konferenz der gesamten Belegschaft berichten inhaltlich gegliederte Arbeitskreise. Eine stark koordinierende Funktion hat dabei die Schulführungsgruppe. Eltern sind immer eingeladen, sich an Arbeitskreisen wie dem Baukreis und dem Wirtschaftskreis zu beteiligen oder im Vorstand mitzuwirken.

Als Mitglied im Bund der Freien Waldorfschulen kann zudem der sogenannte Expertenservice genutzt werden: Erfahrene Kräfte helfen dort mittels externer Betrachtung, Lösungen zu finden.

Familie als Rahmen gelingender Schulbildung

Ein weiterer Aspekt ist die Kooperation von Lehrpersonal und Eltern. Bei den meisten schulischen Arbeitsgruppen ist die Mitarbeit der Eltern möglich. Auch bei klassenübergreifenden Elternabenden, Mitgliederversammlungen und Arbeitseinsätzen wird die Chance, die Schule der Kinder aktiv mitzugestalten, stets betont und gelebt. Die Lehrkräfte ermöglichen es den Eltern auf diese Weise, einzelne Themengebiete kennenzulernen, und sie ermuntern zur Mitwirkung.

Im Falle einer gelingenden Zusammenarbeit mit dem Kollegium können die Interessen und Fähigkeiten der Einzelnen auch neue Perspektiven eröffnen. Die so gewonnen Ideen müssen jedoch stets in die vorherrschende Pädagogik eingebettet sein. Neben den üblichen Inhalten werden auf den Elternabenden die Entwicklungsphasen der Schüler*innen auch aus geisteswissenschaftlicher Sicht betrachtet und ihnen werden die passenden Unterrichtsinhalte erläutert. Dieser Austausch ermöglicht es, eventuelle Probleme frühzeitiger zu erkennen, ganzheitlichere Wege zu finden und den Schulorganismus zu stärken.

Um Familien in die Anliegen der Schule gut einbinden zu können, fand im Jahr 2018 erstmals ein Initiativwochenende statt: In fünf thematisch aufgeteilten Gruppen diskutierten Oberstufenschüler*innen, Eltern und Lehrkräfte über Strategien für anstehende Aufgaben. In der Folge entstand beispielsweise die Arbeitsgruppe „Digitalisierung und Medienmündigkeit“, die bereits erste Vorträge für die Mitarbeitenden, einen Schulelternabend mit Expertenvortrag und einen Workshop für die Oberstufe organisierte. So bleiben die Themen in der Schulgemeinschaft präsent. Im März 2019 startet als Begegnungsort ein Elterncafé. Diese Initiativwochenenden sollen nun regelmäßig stattfinden und das Verständnis aller Beteiligten füreinander fördern.


Die Autorin: Gundula Dobrig ist verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Waldorfschule Chemnitz.


Dr.'in Susanne Kleber, Referentin Bildung des Paritätischen Sachsen sagt zur Qualitätsentwicklung in Schulen:

„Um die Leistungsfähigkeit und Qualität des Bildungssystems dauerhaft zu stärken, bedarf es eines Qualitätskonzepts, das Lehrkräfte und Schulleitungen befähigt, die besten Lernbedingungen und Bildungschancen für die Schüler*innen zu schaffen. Dieses Konzept muss auf einer umfassenden Qualitätsdebatte beruhen, an der sich Schulpraktiker*innen, Bildungsforscher*innen, Verbände sowie Vertreter*innen der Schulverwaltung und der Beratungsgremien beteiligen. Der Freistaat sollte hierbei als Moderator agieren und einen Dialog für die gesamte Schullandschaft in Sachsen anstoßen.

Im Paritätischen Sachsen entwickeln wir derzeit ein leicht handhabbares Evaluierungsinstrument, mit dem die Qualität in den unterschiedlichen Bereichen des Schulalltags erfasst werden kann. Unsere Ansätze und die Erfahrungen unserer Mitglieder bringen wir gerne in einen landesweiten Dialog ein.“

Kontakt:
Dr.'in Susanne Kleber
Tel.: 0351/ 828 71 147
E-Mail: susanne.kleber(at)parisax.de


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 1.2019 unseres Verbandsmagazins anspiel.

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news-5071 Thu, 02 Jan 2020 10:54:00 +0100 Gut kommunizieren - Drei Aspekte, auf die Sie achten sollten. aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/gut-kommunizieren-drei-aspekte-auf-die-sie-achten-sollten/ In der Sozialen Arbeit und im Bildungsbereich ist die Interaktion zwischen Menschen zentraler Bestandteil des täglichen Handelns. Doch nicht immer funktioniert Kommunikation so, wie wir es uns vorstellen. Andreas Schareck gibt drei kurze Anregungen, worauf Sie achten sollten. In der Sozialen Arbeit und im Bildungsbereich ist die Interaktion zwischen Menschen zentraler Bestandteil des täglichen Handelns. Doch nicht immer funktioniert Kommunikation so, wie wir es uns vorstellen. Der Coach und Autor Andreas Schareck gibt drei kurze Anregungen, worauf Sie achten sollten.

Klar. Bring es auf den Punkt.

Immer wieder verschwinden Inhalte zwischen Phrasen, Worthülsen, Weichmachern und Füllwörtern. Lange Schachtelsätze erhöhen die Missverständnisquote und bergen für Sprecher und Zuhörer gleichermaßen viele Nachteile. Problemorientiertes Jammern und stundenlanges Thematisieren strapazieren Nerven, Geduld und die in Dialogen, Arbeitsgruppen und Diskussionen zur Verfügung stehende Zeit. Selbst wenn der Sprecher sich dabei gut fühlt, sollte das Ziel im Vordergrund des Handelns stehen, denn „der Wurm muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken“.

Die Alternative lautet: Kurze Sätze mit prägnanten Aussagen und lösungsorientierten Ansätzen! Ist man erstmal in die Floskelfalle getappt, reicht der reine Vorsatz oft nicht aus, um wieder herauszukommen. Beobachten Sie sich selbst oder bitten Sie Ihnen vertraute Kolleginnen oder Kollegen um ein direktes Feedback. Sprechen Sie die Personen bereits vor einem Termin darauf an, damit diese bewusst darauf achten können.

Wirksam. Die eigene Wirkung.

Oft gilt es, andere von seinen Ideen zu überzeugen und mitzureißen. Doch die starke Konzentration auf inhaltliche Aspekte lässt viele vergessen, dass die eigene Ausstrahlung ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges ist. Vielen Menschen ist auch das Sprechen vor Gruppen unangenehm, nicht nur wenn es um große Auftritte geht. Redebeiträge bei Sitzungen und Tagungen, PowerPoint-Präsentationen vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Fachbeiträge bei Konferenzen oder auch anlassbezogene Grußworte: Letztlich kann es im beruflichen Alltag jederzeit passieren, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Nur wer weiß, wie er wirkt, kann entscheiden, ob und in welcher Weise er etwas ändern will. Hier kann die Rückmeldung aus dem Kollegenkreis ebenfalls hilfreich sein. Ein anderer Ansatz ist die Selbstbeobachtung mittels des Trainings vor der Kamera oder einem Spiegel. Sie werden mitunter erstaunt sein, was Sie alles unbewusst während des Sprechens vor einer Gruppe tun.

Verständlich. Verbindlich.

Wenn Gesprächspartner kein Ende finden und die dritte Wiederholungsschleife lediglich zum Abschweifen der Gedanken führt, ersehnen viele Menschen genervt oder gelangweilt das Ende dieser Begegnung. Gleitet unser Gegenüber auch noch auf Nebenschauplätze ab und verweilt in unwichtigen Detailbeschreibungen, erschwert dies den Blick auf das Wesentliche. Missverständnisse und Unmut sind vorprogrammiert. Doch wer reflektiert sein eigenes Kommunikationsverhalten wirklich? Wer weiß, ob er nicht auch in Unterhaltungen umständlich erscheint oder gar als Vielredner, Selbstdarsteller oder Wichtigtuer verschrien ist? Gesprächsführung und Überzeugung gelingt eher mit verständlicher und verbindlicher Sprache. Hier gilt: Weniger ist manchmal mehr.

Wie erkennt man seine Defizite, wie erreichen Sie eine Veränderung?

Durch das Feedback anderer und die Analyse des Gesprochenen erkennt man Verbesserungsmöglichkeiten. Erkenntnis und eigenes Wollen sind Voraussetzung für Veränderung. Handelt es sich um eigene Gewohnheiten, die man verändern will, braucht man das Wollen und einen langen Atem. Im Probieren und der Weiterführung durch Training wird der Vorsatz zu einer neuen Fähigkeit. Seminar und Coaching bieten hierzu Anstoß und Begleitung. Gutes Kommunizieren hilft Ihnen, Ziele zu erreichen und stärkt zudem das Selbstbewusstsein.


Zum Autor: Andreas Schareck ist freier Dozent, Coach und Autor. In Einzel- oder in Gruppen-Coachings begleitet er u.a. Teambildungsprozesse und Streitschlichtungen. Zudem bietet er Auftrittscoachings zur Verbesserung von Sprech- und Ausdrucksweise, Haltung, Ausstrahlung und Gesprächsführung an.

Er arbeitet seit Jahren mit dem Weiterbildungsbereich des Paritätischen Sachsen zusammen. Seminare mit Andreas Schareck finden Sie auf: www.parisax.de/weiterbildung

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news-5193 Thu, 19 Dec 2019 14:29:00 +0100 Pädagogische Ausbildung: Vernetzungstreffen stärken Lernortkooperationen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/paedagogische-ausbildung-vernetzungstreffen-staerken-lernortkooperationen-1/ Erneut organisierte das Projekt 'Lernort Praxis Sachsen - Kita' regionale Netzwerktreffen auf denen Ansätze für die gelingende Ausbildung in den theoretischen und praktischen Lernorten diskutiert wurden. Erneut organisierte das Projekt 'Lernort Praxis Sachsen - Kita' regionale Netzwerktreffen auf denen Ansätze für die gelingende Ausbildung in den theoretischen und praktischen Lernorten diskutiert wurden.

Nach dem bereits im Schuljahr 2018/2019 fünf regionale Vernetzungstreffen für Akteur*innen aus Theorie und Praxis der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte stattfanden, gelang es im Rahmen des Projekts ‚Lernort Praxis Sachsen – Kita‘ (LOPS-K) auch in diesem Schuljahr wieder, fünf Netzwerktreffen in sächsischen Fachschulen für Sozialwesen und Gesundheit vorzubereiten. Drei davon fanden im November bzw. Dezember 2019 statt und gaben über 150 Teilnehmenden die Möglichkeit, sich zu sich zu praktischen Ansätzen der Lernortkooperation auszutauschen. Sie erhielten Impulse für die Gestaltung von individuellen Ausbildungsplänen und für die Praxisanleitung auf Augenhöhe. Darüber hinaus diskutierten sie geeignete Formate und Raster für die Bewertung von Praktikas in sozialen Einrichtungen. Wie bereits im vergangenen Schuljahr lässt sich erneut eine positive Zwischenbilanz ziehen.

„Das Interesse ist nach wie vor groß“, stellt LOPS-K Projektleiterin Dr. Susanne Kleber nach den ersten drei Netzwerktreffen in Dresden, Plauen und Meerane fest. „Wir haben zwei neue Schulen als Veranstaltungsorte gewinnen können. Trotz des hohen organisatorischen Aufwandes scheuten sich die Kollegien nicht, sowohl den Rahmen für ein solches Treffen bereitzustellen als auch einen eigenen Workshop anzubieten. Schüler*innen konnten auf diese Weise zeigen, was sie als unterstützendes Praxismentoring ansehen und wo sie Entwicklungsbedarf bei sich, im Lernort Schule und im Lernort Praxis sehen.“

Während der Treffen kamen die Gespräche schnell darauf, wie gemeinsam an praktikablen und gewinnbringenden Lösungen für die eigene fachpraktische Begleitung gearbeitet werden kann. Oft angesprochen wurde dabei die Praxisbewertung. Wenn der Praxispartner in die Bewertung eingebunden wird, erhalten die Fachschüler*innen ein kollegiales Feedback, das zu einer realistischeren Selbsteinschätzung führt und berufliche Entwicklung ermöglicht.

Dank der guten Mischung aus Fachkräften, die Fachschüler*innen im praktischen Ausbildungsteil begleiten, Vertreter*innen von Fachschulen, aber auch Fachschüler*innen selbst konnten Sichtweisen aller am Ausbildungsprozess beteiligten Seiten in die Diskussionen einfließen. Als gewinnbringend beurteilten die Teilnehmenden zudem den direkten Kontakt zu den Referent*innen des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus sowie Vertreter*innen aus der Wissenschaft und dem Landesamt für Schule und Bildung, die ebenfalls vor Ort waren.

„Am Ende der jeweiligen Veranstaltungen waren die Motivation und der Wunsch, eigene Kooperationen weiterzuentwickeln oder neue aufzubauen, fast mit den Händen greifbar. Neben bekannten Kontakten wurden offensichtlich auch neue geknüpft. Hier ist unser Ansatz regionaler Treffen voll aufgegangen“, freut sich die Projektkoordinatorin und blickt gespannt auf die verbleibenden Treffen im Januar in Bautzen und im März in Bad Lausick.


Bereits im September veröffentlichte das Projekt einen Leitfaden für die Lernortkooperation. Darin sind Hinweise und Anregungen zusammengefasst, wie Fachschulen und praktische Lernorte im Rahmen der Ausbildung erfolgreich kooperieren können.

Den 'Leitfaden Lernortkooperation' können Sie hier herunterladen.


Sie haben Fragen zum Projekt LOPS-K oder dem Thema Lernortkooperation?

Kontakt:

Dr. Susanne Kleber
Projektkoordinatorin LOPS-K

Tel.: 0351/ 828 71 147
E-Mail: susanne.kleber(at)parisax.de

Das Projekt 'Lernort Praxis Sachsen - Kita' wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts.

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news-5110 Thu, 19 Dec 2019 12:31:00 +0100 Zwischen Liebe und Tod – Wenn Liebe unter Strafe steht aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/zwischen-liebe-und-tod-wenn-liebe-unter-strafe-steht/ Dass Liebe mit dem Tod bestraft wird, erscheint uns in Deutschland unvorstellbar. Das ist jedoch in einigen Ländern Realität und treibt beispielsweise homosexuelle Menschen in die Flucht. Unsere Mitgliedsorganisation Lesben- und Schwulenverband Sachsen (LSVD) kümmert sich in Chemnitz um Personen mit diesem Fluchthintergrund. Dass Liebe mit dem Tod bestraft wird, erscheint uns in Deutschland unvorstellbar. Das ist jedoch in einigen Ländern Realität und treibt beispielsweise homosexuelle Menschen in die Flucht. Unsere Mitgliedsorganisation Lesben- und Schwulenverband Sachsen (LSVD) kümmert sich in Chemnitz um Personen mit diesem Fluchthintergrund.

Homosexualität zwischen erwachsenen Menschen ist in rund 40 Ländern explizit strafbar. In sechs dieser Länder droht auf homosexuelle Kontakte die Todesstrafe, in anderen drohen körperliche Strafen oder Haftstrafen bis hin zu lebenslänglich. In weiteren Ländern ist Homosexualität indirekt strafrechtlich relevant. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis90/ Die Grünen zur „Internationalen Lage der Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern und Intersexuellen“ vom März 2019 hervor. So ist es etwa in Marokko verboten, außerehelichen Sexualkontakt zu haben. Gleichzeitig ist es Homosexuellen nicht erlaubt, zu heiraten. In der Folge ist gleichgeschlechtliche Liebe auch ohne eigenständige Gesetzgebung verboten. Hinzu kommen Länder, in denen Hasskriminalität gegenüber LGBTI (lesbisch- schwul- bisexuelle- trans- oder intergeschlechtliche Menschen) kaum verfolgt, geschweige denn aufgeklärt wird. Nicht selten geht sie sogar von staatlichen Stellen selbst aus. Als „besorgniserregend“ beschreibt die Bundesregierung etwa die Situation in Russland.

Fluchtgrund: Verfolgung wegen sexueller Orientierung

Dem Sozialpädagogen Kevin Fiedler, Berater im Projekt „Information Center for LGBTI Refugees Chemnitz“ des LSVD, begegnen in seiner Beratungspraxis täglich Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung die Heimat verlassen mussten. So berichtet er unter anderem von einem Mann aus Kamerun, dessen Partner ermordet wurde und der um sein eigenes Leben fürchtete. Der einzige Ausweg: Flucht.

„Es sind zum Teil sogar die eigenen Familien, die den Betroffenen mit Gewalt und Tod drohen“, berichtet der Sozialpädagoge. Die Flucht ergriffen jedoch eher Männer, da lesbische Frauen in ihrem Herkunftsland oft verheiratet seien und Kinder hätten. So würden nur wenige von ihnen dieses Risiko wagen. Dabei könnten sich Frauen ebenso wenig zu ihrer Homosexualität bekennen wie Männer. Sowohl Männer als auch Frauen leben vielfach ein erzwungen angepasstes Leben entsprechend der Vorstellungen ihrer Verwandten und entgegen ihrer eigenen Empfindungen. „Man kann sich vieles nur sehr schwer vorstellen“, gibt Kevin Fiedler trotz langer Erfahrung zu, ist aber überzeugt: „Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit als erfundene Behauptung würde niemand freiwillig angeben, nur um in Deutschland Asyl zu erhalten. Die Scham, Angst und die bestehenden Repressalien in den Herkunftsländern haben sich derart eingebrannt, dass beispielsweise eigentlich heterosexuelle Männer nie vorgeben würden schwul zu sein. Jene, die sich outen, müssen sich oft sehr dazu überwinden und großen Mut fassen, zu sich selbst zu stehen.“

Angst, sich offen zu bekennen

In den Erstaufnahmeeinrichtungen erleben Geflüchtete deshalb erneut Ausgrenzung. Die sexuelle oder geschlechtliche Orientierung als Fluchtursache wird meist verschwiegen. Das erschwert Beratungsangeboten den Zugang zu den Betroffenen. Unterstützer*innen und Hilfesuchende müssen sich in der Regel über Umwege finden. Angebote in den Erstaufnahmeeinrichtungen selbst können nicht unterbreitet werden, weil dies die Menschen in einem riskanten Umfeld outen würde. „Ein fast überall bekanntes Symbol ist jedoch die Regenbogenfahne. Wir hängen unsere Kontaktdaten in Verknüpfung damit aus und die Menschen suchen uns außerhalb ihrer Unterkünfte auf“, beschreibt der Berater das Vorgehen des LSVD.

Kommt es zum Beratungsgespräch, muss zuerst die Sprachlosigkeit durchbrochen werden, um anschließend über alltagspraktische Fragen oder die Begleitung des Asylverfahrens reden zu können. Vertrauen aufzubauen, steht daher immer am Anfang. Der LSVD setzt dabei auf peer-to-peer-Kontakte, Empowerment zur Eigeninitiative und die Unterstützung von Community-Treffs. „Es ist für die Menschen wichtig, zu erfahren, dass sie nicht allein sind. Es gibt andere, die ähnlich fühlen und leben. Ab und an lernt sich da auch mal ein Paar kennen“, sagt Kevin Fiedler und lächelt. „Unser Schwerpunkt liegt auf der gegenseitigen Unterstützung und Stärkung. Das ist wichtig, denn hier in Chemnitz ist kaum eine lokale LGBTI-Szene vorhanden, da es viele in die größeren Städte zieht.“

Homophobie auch in Deutschland entgegentreten

Auch transgeschlechtliche Geflüchtete suchen beim Verein Rat. Neben der Begleitung der Asylsuchenden selbst liegt ein Schwerpunkt in der Sensibilisierung. „Homophobie und Transphobie sind auch hierzulande leider noch zu oft anzutreffen. Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben oder ihr bei der Geburt zugeschriebenes Geschlecht nicht annehmen können, erfahren zum Teil große Ablehnungen. Die Geflüchteten werden unter Umständen erneut mit ihren Ängsten konfrontiert. Natürlich sind die Risiken in Deutschland geringer als in den Herkunftsländern, aber besonders außerhalb der Städte ist das Verständnis für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht wirklich ausgeprägt“, erklärt Kevin Fiedler. Homo- und Transphobie begegnet ihnen seitens der Bewohner*innen oder auch durch Mitarbeitende in Erstaufnahmeeinrichtungen, bei Übersetzer*innen der Anhörungsberatung oder in Behörden. Der LSVD bietet daher auch Fortbildungsangebote für kommunale Einrichtungen, Sprachmittler*innen und Behörden an.

Der Sozialpädagoge und seine Kollegin wollen in ihren Angeboten Offenheit und auch Sensibilität vermitteln. Er weist darauf hin: „Mitarbeitende in sozialen Einrichtungen können ebenfalls die Brücke zu LGBTI-Beratungsangeboten sein. Deshalb sollten Einrichtungen deutlich vermitteln, dass man offen sprechen kann und als gleichgeschlechtlich liebender Mensch oder transgeschlechtliche Person genauso akzeptiert wird wie alle anderen auch.“


Informationen zum LSVD Sachsen lesen Sie unter https://sachsen.lsvd.de/


Informationen und Unterstützung zu diesen oder anderen Themen der Vielfalt in der Organisationsentwicklung können Sie durch die „Paritätische Fach- und Informationsstelle für interkulturelle Öffnung und Diversität (PariFID)“ erhalten. Sie begleitet Veränderungsprozesse und berät.

Jetzt mehr erfahren...

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news-5138 Tue, 17 Dec 2019 15:55:00 +0100 Menschen mit Behinderung in der eigenen Personalpolitik berücksichtigen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/menschen-mit-behinderung-in-der-eigenen-personalpolitik-beruecksichtigen/ Obwohl sich der deutsche Arbeitsmarkt insgesamt positiv entwickelt, profitieren Menschen mit Behinderungen nur wenig davon. Unkenntnis und Vorbehalte verstellen Arbeitgebern noch zu oft den Blick für dieses Fachkräftepotential. Obwohl sich der deutsche Arbeitsmarkt insgesamt positiv entwickelt, profitieren Menschen mit Behinderungen nur wenig davon. Unkenntnis und Vorbehalte verstellen Arbeitgebern noch zu oft den Blick für dieses Fachkräftepotential.

Laut dem Statistischen Bundesamt nehmen über die Hälfte der Menschen mit Behinderung im Freistaat Sachsen nicht am Arbeitsmarkt teil, obwohl arbeitslose Schwerbehinderte beruflich häufig gut qualifiziert sind. Noch zu oft haben Arbeitgeber Berührungsängste, die meist im befürchteten zusätzlichen Aufwand z.B. zur Einrichtung eines barrierefreien Arbeitsplatzes gründen. Fördermöglichkeiten sind hingegen noch zu wenig bekannt.

Teilhabe an Arbeit bedeutet immer auch gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb ist dem Paritätischen Sachsen und seinen Tochterunternehmen die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen ein wichtiges Anliegen. Das spiegelt sich nicht nur in verbandlichen Beiträgen zur gesellschaftlichen Debatte, sondern auch im eigenen Handeln des Verbandes wider. Der Landesverband kennt die Potentiale von Menschen mit Behinderungen aus eigener Erfahrung, wenn es um die Suche nach Fachkräften geht. Man gewinnt kompetentes Personal und ermöglicht den betreffenden Menschen eine selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

„Bereits bei der Stellenausschreibung haben wir darauf geachtet, die Stelle auf die Bedarfe von Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderung auszurichten und sie gleichzeitig in die Arbeitsabläufe einzubinden. Dafür haben wir die Aufgaben des gesamten Teams neu gedacht und eine tragfähige Lösung gefunden, die allen Mitarbeitenden neue Optionen bietet“, berichtet Wibke Hanspach, Prokuristin der parikom GmbH, einer Tochtergesellschaft des Paritätischen Sachsen. Dabei stützte sich das Unternehmen auch auf verschiedene Beratungsangebote, wie beispielsweise das Dienstleistungsnetzwerk Support. Mit der neuen Mitarbeiterin wurden notwendige Assistenzsysteme angeschafft und ein bedarfsgerechter Arbeitsplatz eingerichtet. Neben einem neuen Teammitglied hat das Unternehmen an Sensibilität für individuelle Lebenslagen gewonnen. Erkenntnisse, die sich positiv auf das Arbeitsklima insgesamt auswirken und die Mitarbeiter*innenzufriedenheit verbessern.

Gleichzeitig darf nicht verschwiegen werden, dass es auch Herausforderungen gibt, die interessierten Unternehmen durchaus Geduld abverlangen. Das sind hauptsächlich bürokratische Anforderungen für bestehenden Fördermöglichkeiten. „Obwohl wir viel Erfahrung mit Fördermitteln haben, fühlten wir uns an einigen Stellen im Dickicht der Regelungen und Antragsverfahren fast verloren“, gibt die Prokuristin zu und fordert: „Die Antragstellung muss praxistauglicher werden und es darf nicht zu unnötigen Verzögerungen kommen. Arbeitgeber, die sich für Menschen mit Behinderungen öffnen, dürfen an diesen Stellen nicht abgeschreckt werden.“

Der Paritätische Sachsen und seine Tochterunternehmen wollen den Weg der inklusiven Unternehmensentwicklung weitergehen und ermutigen Unternehmen, Menschen mit Behinderung im Rahmen der eigenen Personalpolitik stärker zu berücksichtigen Gleichzeitig wird sich der Verband dafür einsetzen, dass bestehende Hürden gesenkt werden.


Menschen mit Behinderung in meinem Unternehmen beschäftigen, aber wie?

Impulse und Hinweise bieten folgende Broschüren und Webseiten:

Einen Überblick verschiedener Praxisbeispiele und Unterstützungsangebote bietet der Handlungsleitfaden »Arbeiten ohne Hindernisse – Sächsische Unternehmen zeigen gelungene Inklusion« des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz. Die Broschüre ist abrufbar unter: https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/12001

Gute Beispiele und Tipps finden Sie auch beim Projekt „Die Andersmacher“ des Sozialhelden e.V. Die gut aufbereitete Website erreichen Sie unter www.andersmacher.de

Das Dienstleistungsnetzwerk support berät sächsische Unternehmen rund um die Beschäftigung schwerbehinderter, behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen kostenfrei. Mehr zu diesem Unterstützungsangebot aus einer Hand lesen Sie auf: www.support-fuer-kmu.de

Der "Wegweiser: Inklusion im Betrieb" der Aktion Mensch e. V. und des Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) liefert Hinweise für eine inklusive Organisationsentwicklung auch in Einrichtungen und Betrieben der Sozialwirtschaft. Mit Checklisten, Grafiken, Übersichten und Leitfäden sind hier viele wichtige Informationen schnell und zuverlässig verfügbar. Der Wegweiser ist online unter: www.kofa.de/dossiers/inklusion-gestalten/wegweiser-inklusion-im-betrieb

Wenn Sie Menschen mit Behinderungen in Ihrem Unternehmen beschäftigen bereichert das Ihr Team um neue Perspektiven. Das Projekt „PariFID – Paritätisches Fach- und Informationsstelle für Interkulturelle Öffnung und Diversität“ des Paritätischen Sachsen berät, wie Sie Vielfalt in der Personalentwicklung aktiv gestalten und nutzen können. Mehr dazu lesen Sie unter www.parisax.de/verband/parifid/

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news-5073 Tue, 10 Dec 2019 15:19:00 +0100 Angebote öffnen - Geflüchtete auf Augenhöhe erreichen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/angebote-oeffnen-gefluechtete-auf-augenhoehe-erreichen/ Wie erreichen Angebote Sozialer Arbeit geflüchtete Menschen? Der Zugang zur Zielgruppe ist nicht immer leicht. Dem Frauen- und Mädchengesundheitszentrum MEDEA aus Dresden ist das gelungen und es bietet nun Gesundheitsförderung für asylsuchende Frauen an. Wie erreichen Angebote Sozialer Arbeit geflüchtete Menschen? Der Zugang zur Zielgruppe ist nicht immer leicht. Dem Frauen- und Mädchengesundheitszentrum MEDEA aus Dresden ist das gelungen und es bietet nun Gesundheitsförderung für asylsuchende Frauen an.

Neben einem der Eingänge des Plattenbaus im Dresdner Westen weist ein fast unscheinbares Schild auf die Beratungsstelle des MEDEA e.V. hin. In den letzten Monaten haben die drei Mitarbeiterinnen aus einer kleinen Dreiraumwohnung einen Ort der Begegnung und Beratung gemacht. Ihre Zielgruppe sind hier insbesondere asylsuchende Mädchen und Frauen, die im umliegenden Wohngebiet leben.

„Wir haben langjährige Erfahrungen in der geschlechterspezifischen Sozialarbeit. Dass der Bedarf an Beratung zur Gesundheit sowie bei psychischen Problemen bei geflüchteten Frauen vorhanden ist, war uns schnell klar. Zu den oft traumatisierenden Fluchterfahrungen kommt der Verlust des persönlichen Netzwerks aus Familie und Freunden, das eine stützende Funktion ausüben könnte. Wir standen vor der Frage: Wie erreichen wir die Zielgruppe?“, berichtet die im Projekt mitarbeitende Psychologin Anke Müller-Gupte. Die Regelangebote sozialer Arbeit waren den geflüchteten Frauen nicht bekannt. Der Zugang zu Gemeinschaftsunterkünften sowie der dezentralen Unterbringung war hingegen für die MEDEA-Mitarbeiterinnen nur bedingt möglich.

Flüchtlingssozialarbeit als Partner mit einbinden

Ein spezielles örtliches Angebot zu eröffnen würde alleine nicht funktionieren, darin war sich das dreiköpfige Team aus Psychologin, Sozialarbeiterin und Hebamme schnell einig. Die aufsuchende Arbeit stand daher am Anfang der Bemühungen. Hierbei stützten sich die Mitarbeiterinnen auf ihre Kontakte zur Flüchtlingssozialarbeit. Die dortigen Sozialarbeiter*innen erfüllten somit eine Brückenfunktion, die einerseits half, Berührungsängste zu nehmen und andererseits ein gezielteres Zugehen auf Menschen mit besonderen Hilfebedarfen ermöglichte. Anke Müller-Gupte erklärt: „Seit Beginn an geht es uns darum, eine gemeinsame Ebene mit den Frauen zu finden. Wir versuchten deshalb klar zu vermitteln, dass die Bedarfe der Frauen im Mittelpunkt unseres Handelns stehen.“

Doch nicht nur für die Asylsuchenden war der Prozess neu und mit unbekannten Aspekten besetzt. Obwohl sich die Mitarbeiterinnen auf ihre Qualifikationen und breites Erfahrungswissen stützen konnten, bestand eine gewisse Unsicherheit im Team, wie die Hilfe für die neue Zielgruppe erfolgreich gelingen kann. Der offene Dialog über die eigene Unsicherheit, der Austausch zu verschiedenen Vorgehensweisen sowie der Kontakt zu erfahrenen Trägern innerhalb und außerhalb Sachsens boten hierbei eine Stütze.

Angebot gemeinsam mit der Zielgruppe entwickeln

Die Psychologin hebt einen Punkt besonders hervor: „Wir haben das Angebot gemeinsam mit den Frauen entwickelt. Dieses Vorgehen auf Augenhöhe gab uns die nötige Sicherheit und bei den Frauen wuchs das notwendige Vertrauen in unser Angebot. Entscheidend waren dabei Wertschätzung und die Bereitschaft, dem gesamten Prozess die notwendige Zeit einzuräumen. Hinsichtlich der eigenen Gelassenheit und Flexibilität haben wir viel dazugelernt. Erfahrungen, die wir den Kolleginnen in anderen Angeboten ebenfalls zurückspiegeln konnten.“

Zudem ermöglichte der Kontakt zum neuen Personenkreis nicht nur den Mitarbeiterinnen, die in direktem Kontakt mit den asylsuchenden Frauen standen, eine interkulturelle Öffnung der eigenen Sichtweisen. Deshalb organisierte MEDEA auf dem jährlichen Bundesverbandstreffen der Frauengesundheitszentren einen Austausch zwischen asylsuchenden Frauen und Kolleginnen aus ganz Deutschland. Im Gespräch gab es viele Aha-Effekte, die ein besseres Verständnis für die Lebenssituation der Geflüchteten ermöglichten, aber auch Anstöße für die Arbeit jener Kolleginnen boten, die mit deutschen Frauen und Mädchen arbeiten.

Beschäftigte und Angebotsumfeld mitnehmen

Einen weiteren Lerneffekt brachte die bisher ungekannte Notwendigkeit, das eigene Angebot im direkten Umfeld immer wieder zu kommunizieren. Als sich MEDEA dazu entschloss, die aufsuchende Arbeit mit einer Beratungsstelle zu ergänzen, sahen sich die Mitarbeiterinnen verschiedensten Hürden gegenüber. So stellte sich die Suche nach einer Immobilie schwieriger als gedacht dar. Der angespannte Dresdner Immobilienmarkt erschwerte die Suche außerdem. Die Freude war umso größer, als schließlich passende Räume angemietet werden konnten.

Als weitere Aufgabe stand die Skepsis der Anwohner*innen im Raum. Deshalb sorgten die Mitarbeiterinnen für Transparenz. Sie luden die Menschen des Stadtteils ein, um die neu eingerichtete Beratungsstelle in Augenschein zu nehmen. Insbesondere die Hausbewohner*innen waren interessiert und schauten vorbei. Die Bandbreite der Äußerungen reichte von verhaltenem Interesse bis hin zu unmissverständlicher Ablehnung. Der Umstand, dass sich das Angebot ausschließlich an Frauen richtet, nahm etwas Druck aus dem Kessel. „Es gibt viele Menschen hier im Stadtteil, die sich für Geflüchtete engagieren. Dennoch hatten wir nicht erwartet, mit Freudenrufen begrüßt zu werden“, erinnert sich die Sozialarbeiterin Gabriela Nickl und erzählt weiter: „Dass wir vereinzelt jedoch auf derartige Ablehnung stießen, hat uns dann doch überrascht. Nun haben sich die meisten Kritiker beruhigt und ich denke, wir sind von Ablehnung zumindest zu einer gewissen Akzeptanz gelangt. Wir suchen kontinuierlich das Gespräch, um die Menschen mitzunehmen und eventuellen Befürchtungen oder Problemen rechtzeitig entgegentreten zu können.“

Die Beratungsstelle für geflüchtete Mädchen und Frauen scheint sie sich zunehmend zu etablieren. Begegnung, individuelle Beratung und regelmäßige Angebote zu Gesundheitsthemen gehen mittlerweile Hand in Hand. Jede Nutzerin weiß inzwischen, dass das unscheinbare Schild am Eingang auf einen Ort hinweist, an dem Wertschätzung und Miteinander spürbar sind.


Sich interkulturell öffnen und neue Zielgruppen erreichen. Nutzen Sie die Beratung und Begleitung von PariFID - ParitätischeFach- und Informationsstelle für interkulturelle Öffnung und Diversität.


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2.2017 unseres Verbandsmagazins anspiel.

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news-5235 Tue, 10 Dec 2019 13:36:00 +0100 Feierliche Eröffnung der Landeskontaktstelle Selbsthilfe Sachsen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/feierliche-eroeffnung-der-landeskontaktstelle-selbsthilfe-sachsen/ Die Landeskontakt- und Informationsstelle Sachsen, kurz genannt LAKOS, wird die sachsenweiten Selbsthilfeaktivitäten und die überregionale Vernetzung fördern. Zur Eröffnung trafen sich am 10. Dezember 2019 VertreterInnen der Selbsthilfe- und Selbsthilfeunterstützungsszene im festlichen Rahmen des Stadtmuseums. Die Landeskontakt- und Informationsstelle Sachsen, kurz genannt LAKOS, wird die sachsenweiten Selbsthilfeaktivitäten und die überregionale Vernetzung fördern. Zur Eröffnung trafen sich am 10. Dezember 2019 VertreterInnen der Selbsthilfe- und Selbsthilfeunterstützungsszene im festlichen Rahmen des Stadtmuseums.

Die Landeskontakt- und Informationsstelle Sachsen hatte bereits am 01. September 2019 ihre Arbeit aufgenommen. Im Vorfeld der Auftaktveranstaltung initiierte die LAKOS erste Gespräche mit AkteurInnen der Selbsthilfeszene u.a. mit der Selbsthilfeakademie Sachsen.

Die LAKOS wird als Schnittstelle zwischen engagierten Menschen und Betroffenen, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfekontaktstellen, Dachverbänden, Politik sowie Verwaltung fungieren. Neben der Lobbyarbeit wird ein weiterer Kernbreich auch die Etablierung von Qualifizierungsangeboten für die Selbsthilfekontaktstellen sein.

Meilenstein zur Stärkung der Selbsthilfe im Freistaat

Die Grußworte der Förderer, Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, vertreten durch Friedemann Beyer und der Selbsthilfegemeinschaftsförderung der Gesetzlichen Krankenkassen, vertreten durch Marita Kaps, sowie Anke Miebach-Stiens, Vorstandsfrau der JUST - Jugendstiftung Sachsen und Ina Klass, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfekontaktstellen Sachsen, würdigten die gemeinsamen Anstrengungen zum Aufbau einer Repräsentanz der Selbsthilfe auf Landesebene. Die LAKOS ist ein weiterer Meilenstein zur Unterstützung des Bürgerschaftlichen Engagements und insbesondere der Stärkung der Selbsthilfe in Sachsen.

Wo die Reise hingehen wird und welche Entwicklungen und Trends bundesweit die Selbsthilfe bewegt, damit beschäftigte sich der Impulsvortrag von Frau Dr. Jutta Hundertmark-Mayser von der NAKOS, der Nationalen Kontaktstelle für Selbsthilfe.

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden aktuelle Herausforderungen in der Selbsthilfe in Sachsen deutlich wie zum Beispiel, dass es noch immer keine einheitliche Suche nach Selbsthilfegruppe gerade bei seltenen Erkrankungen gibt.

Erste Eindrücke wie vielfältig diese Reise sein wird, vermittelten mediale Streiflichter aus der Youtube-Fundgrube. Ferdinand van Saalbach umrahmte das Programm musikalisch mit seiner eigenen Geschichte der Krankheitsbewältigung.

"Wir wollen eine lebendige, vielfältige Selbsthilfebewegung"

„Wir wollen eine lebendige, vielfältige Selbsthilfebewegung für Sachsen, die das traditionelle und moderne eint, eine Bewegung, die bewegt, wo jeder Lust hat mitzumachen und wo die Potenziale mehr wiegen als die Probleme.“ Mit diesem visionären Ausblick endete die Auftaktveranstaltung. Die Diskussion um die angeschnittenen Themenfelder wird weitergehen und in die zukünftigen Aufgaben einfließen.

Die Landeskontakt- und Informationsstelle Selbsthilfe wird finanziert durch Steuermittel auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag bechlossenen Haushaltes (Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts (FRL GeZus)) sowie aus Mitteln der GKV kassenartenübergreifenden Pauschalförderung Selbsthilfe Sachsen nach § 20h, SGB V.

Abgewandelter Text und Foto: LAKOS

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Website der LaKoS unter www.selbsthilfe-sachsen.de

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news-5070 Thu, 05 Dec 2019 10:35:00 +0100 Interview: Personalgewinnung optimieren und Ressourcen schonen aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/interview-personalgewinnung-optimieren-und-ressourcen-schonen/ Gute Mitarbeiter*innen auf allen Ebenen zu suchen, zu finden und langfristig zu gewinnen, wird zunehmend schwerer. Worauf ist also zu achten? Personalberaterin Charlotte Beck gibt Antworten. Gute Mitarbeiter*innen auf allen Ebenen zu suchen, zu finden und langfristig zu gewinnen, wird zunehmend schwerer. Der Konkurrenzdruck steigt. Interessante Fachkräfte für besondere Positionen werden von vielen Seiten umworben. Sie sind gefragt, haben klare Vorstellungen von ihrem zukünftigen Arbeitgeber und prüfen diesen auf Herz und Nieren. Worauf ist also zu achten? Personalberaterin Charlotte Beck gibt Antworten.

Welche Anforderungen stellen hochqualifizierte Bewerberinnen und Bewerber?

Charlotte Beck: „Hochqualifizierte Jobsuchende wünschen sich einen professionellen, wertschätzenden und transparenten Bewerbungsprozess. Sie wünschen sich Ansprechpersonen, die für ihre Fragen unkompliziert und kurzfristig erreichbar sind – insbesondere jenseits der klassischen Arbeitszeiten an Werktagen, denn häufig können sie während der Arbeitszeit keine diskreten Telefongespräche in eigener Sache führen. Sie erwarten ein Gegenüber, das Interesse an einem ausführlichen Kennenlernen hat und das ihnen hilfreiche Auskunft über die vakante Position und das Unternehmen geben kann. Eine Ansprechperson, die sie vertrauensvoll – und vor allem diskret und vertraulich - durch ein gut organisiertes und transparentes Bewerbungsverfahren begleitet.“

Welchen Fehler sollte man vermeiden?

Charlotte Beck: „Die beschriebenen Aspekte erfordern einen verlässlich hohen zeitlichen Einsatz der Personalabteilungen und der internen Recruitingfachleute, insbesondere bei der Besetzung zentraler Schlüssel- und Führungspositionen. Dass das im prall gefüllten, dynamischen Alltagsgeschäft nicht immer leistbar ist, ist nur zu verständlich. Das sollte nach unserer Erfahrung und Überzeugung jedoch kein Argument dafür sein, potentiellen Bewerberinnen und Bewerbern einen suboptimalen Service anzubieten. Ganz im Gegenteil: Schließlich ist das Bewerbungsverfahren häufig der erste Kontakt zwischen Interessierten und Unternehmen – das muss im positivsten Sinne genutzt werden!“

Welche Unterstützung gibt es?

Charlotte Beck: „Als Personalberater sind wir Experten in der Gewinnung und Begleitung von Schlüsselfachkräften und Führungskräften. Als externe Begleiter arbeiten wir eng mit dem internen Personal zusammen. Wir übernehmen als neutraler Dritter die Organisation des gesamten Bewerbungsverfahrens und ermöglichen durch unsere unabhängige Position auch Interessierten aus dem näheren Umfeld eines Unternehmens die Kontaktaufnahme. In unserem Prozess legen wir besonderen Wert auf professionelle und zuverlässige Abläufe sowie auf die Begleitung der Interessierten zu den Tageszeiten und an den Wochentagen, die für sie selber günstig sind. Darüber hinaus bringen wir unser großes Kandidaten-Netzwerk für unsere Kunden ein, sprechen gezielt geeignete Fachkräfte für die jeweilige Position an und entlasten ihre Organisation bei diesem zentralen Thema.

Danke für die Hinweise.


Charlotte Beck berät insbesondere Unternehmen der Sozialwirtschaft zu Themen der Personalgewinnung. Nutzen Sie ihre Hilfe über unsere Tochtergesellschaft parikom GmbH.

www.parikom.de

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news-5090 Tue, 03 Dec 2019 06:32:00 +0100 Kommentar: Alles neu? aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/kommentar-alles-neu/ Das Bundesteilhabegesetz fordert in vielen Bereichen ein Umdenken. Zudem verunsichern noch offene Regelungen oder unklare Vorgaben die Leistungsanbieter. Simone Langhof ermutigt, dass neue Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen auch neue Chancen für Mitarbeiter*innen bedeuten. Das Bundesteilhabegesetz fordert in vielen Bereichen ein Umdenken. Zudem verunsichern noch offene Regelungen oder unklare Vorgaben die Leistungsanbieter. Simone Langhof ermutigt, dass neue Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen auch neue Chancen für Mitarbeiter*innen bedeuten.

Spätestens mit dem Beginn der Rahmenvertragsverhandlungen und der Gestaltung der Übergangsregelungen in Sachsen ist den letzten Beteiligten klar geworden, dass sich vor allem im Bereich gemeinschaftliches Wohnen ein Paradigmenwechsel vollzieht. Die bisherigen Bewohner*innen von vollstationären Wohnformen und Außenwohngruppen werden zu Mieter*innen, weil die Leistungen (Fachleistung, Leistungen zum Lebensunterhalt und Kosten der Unterkunft) nun getrennt werden. Sie können selbst entscheiden, von wem sie welche Leistung erhalten möchten.

Doch was bedeutet das für die Praxis? Was meinen Bewohner*innen und Fachkräfte dazu? Ein Umbruch wie der aktuelle verunsichert. Das ist normal. Bei Gesprächen in den verschiedensten Wohnformen begegnete mir das öfter. Aber auch neue Ideen und Gedanken konnte ich vernehmen.

Neues kann verunsichern, aber auch Türen öffnen

Abgesehen von den formellen Änderungen und neuen Begrifflichkeiten stellen sich viele Beschäftigte die Frage: Wie wird dann die persönliche Beziehung der Mitarbeiter*innen zu „ihren“ Bewohner*innen aussehen? Hier stehen ganz praktische Fragen im Raum. Darf ich die Zimmer der Mieter*innen betreten, beim Hausputz eingreifen oder gar „Kontrollen“ durchführen (Hygiene, Alkohol)? Dürfen Mieter*innen jetzt in ihrer Wohnung rauchen?

Alles Fragen, die das Leben in einer Einrichtung ganz schön auf den Kopf stellen können. Natürlich gibt es auch in Studenten- oder Senioren-WGs Regeln, die zu einem harmonischen Miteinander beitragen. Was aber ist mit Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht immer in der Lage sind, Regeln zu verstehen und sich an diese zu halten? Eben deshalb leben sie ja in besonderen Wohnformen. Wie kann Anleitung und Förderung zukünftig aussehen ohne die gestärkte Privatsphäre der Bewohner*innen zu verletzen? Es entstehen Spannungsfelder, die in der zuvor gelebten Praxis bisweilen eine untergeordnete Rolle spielten.

Das Spannungsfeld wird nicht kleiner, wenn die Klient*innen verstehen, dass sie ihr Wunsch- und Wahlrecht nutzen können und ihnen jederzeit neue Wege offen stehen. Das kann in Richtung eigene Wohnung gehen oder auch mit Ängsten verbunden sein, aus der vertrauten Wohnsituation (Wohnstätte) auszuziehen. Im Ergebnis ist von der Vereinsamung in der eigenen Wohnung bis zur gestärkten individuellen Lebensgestaltung im eigenen Lebensraum alles möglich.

Egal aus welcher Sichtweise man die neuen Möglichkeiten betrachtet: Es wird nicht einfach, aber spannend. Immerhin ist der Rahmenvertrag im August 2019 unterzeichnet worden. Die genauen Regelungen zu den ambulanten Angeboten und den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen stehen aber noch aus. Neu ist zudem der Integrierte Teilhabeplan Sachsen (ITP), der seit März dieses Jahres zur Feststellung von Hilfebedarfen im Rahmen des Gesamtplanverfahrens dient. Ganz schön viele Neuerungen, die immer auch mit  Fragezeichen versehen sind.

Rückbesinnung auf bewährte Ansätze

Okay, es gibt kein Universalrezept mit allen Antworten ohne Risiken und Nebenwirkungen. Aber es gibt ein paar Betrachtungsweisen, die Mitarbeiter*innen in besonderen Wohnformen helfen können, trotz der notwendigen strukturierten Abläufe und Ordnungen in gemeinschaftlichen Wohnformen eine private Lebenswelt zu bieten.

Der ITP kann da ein guter Kompass sein, um durch die vielen neuen Begrifflichkeiten, die Ansprüche der Klient*innen und die neuen Sichtweisen hindurch zum Ziel zu finden. Denn eins bleibt für die Mitarbeitenden unverändert: weiterhin für Menschen mit Behinderung ein vertraute Begleitung und gute Förderung zu sein. Da passt der Inhalt des ITP mit seinen Grundlagen des bio-psycho-sozialen Modells recht gut zu den Grundlagen der Lebensweltbezogenen Behindertenarbeit, wie sie beispielsweise von Georg Theunissen formuliert wurde. Der Ansatz kann Beschäftigten in der Vielfalt der subjektiven Lebenswelten und Lebensbedingungen als Leitfaden dienen.

Wir sollten uns also jener Grundlagen besinnen, denen wir schon in Ausbildung oder Studium begegnet sind. Erinnern sie sich an die Darstellung der vier Lebensräume nach Urie Bronfenbrenner (Mikrosystem, Mesosystem, Exosystem und Makrosystem)? Sie hilft, Bedürfnisse der Klient*innen wahrzunehmen sowie auf diese einzugehen. Ebenso können die Leitprinzipien der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, wie sie Klaus Grunwald und Hans Thiersch formulierten (Ganzheitlichkeit, Selbstbestimmung, Respekt und Vertrauen etc.), den Mitarbeiter*innen bei der Gratwanderung zwischen ihrem Auftrag zur Anleitung, Förderung und Betreuung einerseits und dem Recht der Klient*innen auf Privatsphäre sowie deren persönlicher Freiheit andererseits als Orientierung dienen.

Mut, eigene Wege zu gehen

Der ITP ist vor diesem Hintergrund ein passendes Instrument, denn er basiert ebenfalls auf einem individuellen Ansatz. Er clustert in die Bereiche Lernen und Wissensanwendung, Allgemeine Aufgaben und Anforderungen (der Person), Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung, Häusliches Leben, Interpersonelle Beziehungen, Bedeutende Lebensbereiche und Gemeinschafts-, Soziales- sowie Staatsbürgerliches Leben. Das ist nicht so weit entfernt von den vier Lebensräumen nach Bronfenbrenner. Manchmal bietet somit auch die Besinnung auf gute alte Sozialarbeit eine neue, bzw. geänderte Sichtweise.

Bei allen Änderungen und Neuerungen sollten wir uns auf das Wesentliche besinnen. Was das ist, lässt sich gemeinsam mit den Klient*innen herausfinden. Einen möglichen Leitfaden haben sie ja. Ich denke, wenn Klient*innen neue Wege beschreiten können und wollen, sollten Begleiter*innen und Mitarbeiter*innen es ihnen gleich tun.

Nur Mut. Nicht alles, aber vieles ist möglich. Uns seien wir mal ehrlich: Die Grundvoraussetzung - und das nicht erst seit der Einführung des BTHG -  sind immer die persönliche Wertschätzung und der Respekt vor den Menschen und ihrer Individualität.


Zur Autorin: Simone Langhof ist Fachreferentin Teilhabe des Paritätischen Sachsen und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Menschen mit Behinderungen.

Kontakt:
Simone Langhof, Referentin Teilhabe
Tel.: 0351/ 828 71 150
E-Mail: simone.langhof(at)parisax.de

 

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news-5069 Thu, 28 Nov 2019 17:27:00 +0100 Interview: Aktivierende Methoden im Pflegealltag aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/interview-aktivierende-methoden-im-pflegealltag/ Pflegebedürftige Menschen immer wieder zu motivieren und im Pflegealltag auf deren Mitwirkung zu setzen, fordert Pflegekräfte täglich heraus. Wir sprachen mit Eva Helms über aktivierende Methoden in der Pflege. Pflegebedürftige Menschen immer wieder zu motivieren und im Pflegealltagauf deren Mitwirkung zu setzen, fordert Pflegekräfte täglich heraus. Wir sprachen mit Eva Helms über aktivierende Methoden. 

Wie können Pflegeanbieter aktivierende Methoden in den Pflegealltag einbinden?

Eva Helms: Der Schlüssel für gute Angebote liegt darin, sie verständlich, praktisch und  sinnvoll zu gestalten. Oft sind es bereits kleine Dinge, die Erfolg versprechen.

Mit verständlich meine ich, dass ältere Mensch ihr Altwerden verstehen sollen. Die Wertschätzung des Alters und die Begegnung auf Augenhöhe gehören ebenso zur guten Kommunikation wie eine angepasste Sprache. Ältere Personen ziehen eher griffige Bezeichnungen für das Neue vor. Anglizismen sorgen selbst bei Menschen mittleren Alters schon mal für Verwirrung. Deshalb kann man beispielsweise lieber Bildtelefon als Smartphone sagen. Schon diese kleine Achtsamkeit ermöglicht etwas mehr Teilhabe und senkt Barrieren.

Aktivierende Methoden müssen handhabbar sein, für den Pflegebedürftigen und für die Pflegekraft. Biografiearbeit kann hier Türen öffnen. Wichtige Fragen sind u.a.: Wie hat die Person bisher gelernt? Wie viel Begleitung braucht sie im Tun? Wie geht sie mit ihren Einschränkungen um? Welche Rolle spielt moderne Technik? Haben Pflegefachkräfte davon ein klares Bild, ist der Zugang und in der Folge auch die Aktivierung der Pflegebedürftigen leichter zu bewerkstelligen.

Mit Beschäftigungsangeboten um der reinen Beschäftigung willen wird man langfristig eher für Verdruss sorgen. Meine Erfahrung zeigt, dass die Frage nach dem ‚Wofür‘ bei älteren Menschen von großer Bedeutung ist. Wofür soll ich in diese Gruppe gehen oder mit einer Aktivität beginnen? Bringt es mir Lebensfreude? Hilft es, den Alltag zu bewältigen? Gibt es mir das Gefühl des Gebrauchtwerdens? Da jeder Mensch anders ist, sollten die spezifischen Motivationsmuster der Pflegebedürftigen bekannt sein. Hierbei kann die Biografiearbeit ebenfalls eine Hilfestellung bieten.

Wie nähert man sich dem Thema am besten?

Eva Helms: Die Geragogik hat in den letzten Jahren viele interessante Erkenntnisse geliefert. Der sensible Umgang mit demenziell Erkrankten ist dabei nur ein Teilgebiet. Neben aller Theorie ist es jedoch entscheidend, die Pflegebedürftigen als Partner im System zu begreifen.

Beim Aufbau der Webseite www.demenz-in-sachsen.de arbeiteten wir mit Studierenden der TU Dresden, aber immer auch mit Menschen mit Demenz zusammen. Diese spannende Erfahrung geben wir jetzt in Workshops und auf Fachtagen weiter.

Zudem erlebe ich es immer wieder, dass dort, wo das Personal spezielle Qualifikationen besitzt, ein gelassenerer Umgang mit dem Thema Alltagsgestaltung vorherrscht. Trägern ist daher anzuraten, die inzwischen vorhandene Bandbreite an Weiterbildungsangeboten zu nutzen. Pflege-bedürftige und Personal können dabei nur gewinnen.

Herzlichen Dank, für die Impulse.


Die Autorin: Eva Helms befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Demenz und der gezielten Aktivierung Betroffener. Unter anderem wirkte sie beim Aufbau und der Weiterentwicklung des „Infopunktes Demenz und Pflegebegleitung“ bei der Mitgliedsorganisation Familienzentrum Radebeul e.V. mit.


Sie suchen Anregungen, wie aktivierende Beschäftigung gelingen kann? Werfen Sie doch mal einen Blick in unser Weiterbildungsangebot: www.parisax.de/weiterbildung

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news-5068 Mon, 25 Nov 2019 16:52:00 +0100 Schule: Freiwilliges Lernen motiviert aktuelles/aktuelles-artikelansicht/news/schule-freiwilliges-lernen-motiviert/ Freiwilliges Lernen und Mitbestimmung sind in der Freien Schule Leipzig e.V. zentrale Elemente des Bildungsverständnisses. Sie prägen den Schulalltag, sorgen bei Außenstehenden jedoch oft für Unverständnis. Aber auch die Rahmenbedingungen im sächsischen Schulsystem setzen diesem Bildungsansatz zu. Freiwilliges Lernen und Mitbestimmung sind in der Freien Schule Leipzig e.V. zentrale Elemente des Bildungsverständnisses. Sie prägen den Schulalltag, sorgen bei Außenstehenden jedoch oft für Unverständnis. Aber auch die Rahmenbedingungen im sächsischen Schulsystem setzen diesem Bildungsansatz zu.

„Nur wer sich selbst Ziele setzt und motiviert sowie ein hohes Maß an Eigendisziplin aufbringt, kann wirklich in vollem Umfang von der Freien Schule profitieren. Mit unserem Konzept bieten wir ein sehr anspruchsvolles Modell“, ist Henrik Ebenbeck von der Freien Schule Leipzig überzeugt und reagiert damit auf oft vorgebrachte Zweifel am eigenverantwortlichen Lernen. Schon bei der Gründung des Leipziger Trägers ging es darum, eine kindgerechte Schule ins Leben zu rufen, die den bis dahin gekannten starren Vorgaben aus der DDR-Zeiten etwas entgegensetzte. Feste Bestandteile waren von Anfang an die Freiwilligkeit des Lernens und Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Schüler*innen.

Freiwilligkeit des Lernens und Mitbestimmung

Die Vorstellung von Schule ist bei den meisten Menschen von festen Stundentafeln und Frontalunterricht geprägt. Andere Lernformen erscheinen da schnell weltfremd. Henrik Ebenbeck, der unter anderem das Fach Kritisches Denken unterrichtet, kann diese ablehnende Sichtweise nachvollziehen, aber nicht verstehen. „Die Vorstellung, dass Lernen freiwillig, ohne Druck, selbstgesteuert und lustvoll sein kann, ist für die meisten Menschen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Schulerfahrung so unvorstellbar und abseitig, dass sie sich dann nur solch ein extremes Bild vorstellen können“, bezieht sich der Lehrer auf die Titelzeile eines SPIEGEL-Artikels. Ein Beitrag über Freie Schulen war dort mit der Aussage überschrieben: „Wer will, kann zehn Jahre im Baum hocken.“ Eine überspitzte Formulierung, die leider noch zu oft die Vorstellung Außenstehender von der Bildungsarbeit freier Schulträger prägt.

Ein Blick in die Freie Schule Leipzig offenbart schnell, dass der Baumhocker nur wenig mit dem Schulalltag der Bildungseinrichtung zu tun hat. „Bei uns stellen sich die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Stundenpläne individuell zusammen. Der Großteil schöpft dabei den Rahmen des Möglichen aus. Neben der interessengeleiteten Auswahl lernen die Heranwachsenden dabei, sich selbst einzuschätzen und sich nicht zu überfordern“, erklärt der Lehrer.

Lernfreiheit bringt mehr als nur Wissenserwerb

Die hohe Lernmotivation liegt nicht zuletzt in den breiten Auswahlmöglichkeiten der Schule begründet. Neben grundlegenden Inhalten wie Mathematik, Biologie oder Physik finden sich zum Beispiel auch Tanzen, Nähen und Japanisch im Unterrichtsangebot. Zudem gibt es das Fach Kritisches Denken, in dem wichtige Grundlagen für eigenständiges Handeln und eine reflektierte Betrachtungsweise geübt werden. Die Teilnehmenden gingen beispielsweise schon der Frage nach, woher Geld kommt und wie das Zinssystem funktioniert. Als ganz praktische Erfahrung von Demokratie richteten die Teilnehmenden eine Petition an den Leipziger Stadtrat, die ein Verbot von Alkohol- und Zigarettenwerbung an Haltestellen in der Nähe von Schulen forderte – mit Erfolg.

„Die Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit, das bewusste Abwägen von Entscheidungen und persönliches Engagement für eine Sache sind für die Schülerinnen und Schüler selbst wichtig, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganzes“, beschreibt der Lehrer eine der Grundüberzeugungen der Schule. Die Lernenden teilen diese Ansicht. In einer kürzlich durchgeführten Befragung bewerteten sie als am wichtigsten an der Schule: „Dass ich selbst entscheiden kann, was und wie ich lernen will und dass ich alles mitbestimmen kann.“

Prüfungsanforderungen schränken zunehmend die Lernfreiheit ein

Inwieweit dieses System trägt, zeigte sich vor einigen Jahren als die ersten Schüler*innen ihre Abschlussprüfungen für einen staatlich anerkannten Schulabschluss absolvierten. Die Freie Schule Leipzig ist eine genehmigte Ersatzschule, jedoch nicht staatlich anerkannt. Daher werden die Prüfungen an einer staatlichen Mittelschule abgelegt. Statt fünf müssen dort neun Prüfungen absolviert werden. Vornoten werden nicht berücksichtigt. Dennoch bestehen rund 80 Prozent der Antretenden ihre Prüfungen beim ersten Mal.

„Seit die Prüfungen zur jährlichen Routine geworden sind, wird die Lernfreiheit nicht mehr so intensiv genutzt. Vorher gab es beispielsweise mehr fächerübergreifende Projekte. Es ist daher sehr bedauerlich, dass die staatlichen Abschlussprüfungen sich so machtvoll in den Schulalltag hineindrängen und Zeit und Raum okkupieren“, kritisiert Henrik Ebenbeck. Die Schüler*innen verspüren nun den Druck, vornehmlich die lehrplanrelevanten Angebote zu besuchen. Die interessengeleitete Auswahl gibt es immer noch, findet jedoch nicht mehr den ursprünglichen Freiraum. Umgekehrt müssen sich die Lehrkräfte stärker darauf konzentrieren, die Lernenden gut auf die externen Abschlussprüfungen vorzubereiten. Zudem stehen die Lehrer*innen während der Prüfungskurse nicht für andere Projekte zur Verfügung. Die Zeit für Ideen fernab der Lehrpläne ist merklich zurückgegangen.

Erfahren Sie mehr über die Freie Schule Leipzig auf: www.freie-schule-leipzig.de

Text: Hendrik Ebenbeck, Thomas Neumann


Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 1.2017 unseres Verbandsmagazins anspiel.

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